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Stellungnahme Mathias Beck in 10 Absätzen
1. Eine statistische Erhebung vor ein paar
Jahren besagte, dass gerade 3% aller Absolventen von Kunsthochschulen von
ihrer Kunst ihre Existenz bestreiten können. In diesem Anteil seien
besoldete Lehrer übrigens bereits enthalten. Dennoch blähen weiterhin Akademien und
Kunsthochschulen ihre Studentenzahlen auf. Die Künstlersozialkasse weist
ausdrücklich in Ihrem Merkblatt
zum Abgabesatz für 2004 auf "die stetig steigende Zahl von
Künstlern und Publizisten" hin, die im übrigen sehr relevant im
umgekehrten Verhältnis zur "konjunkturellen Entwicklung, den [dem]
Rückgang der an die Künstlersozialkasse gemeldeten
Gesamthonorarsummen" zu stehen scheint. 2. Darüber hinaus drängen seit Verbürgerlichung der Künste nach dem Zweiten Weltkrieg auch solche Künstlerinnen und Künstler in den Markt, die keine Ausbildung (im Sine eines echten Studiums) vorweisen, sondern entweder als Autodidakten oder als Studenten auf Zeit an temporären Sommer- und anderen Akademien oder einfach bloß als Dilettanten im buchstäblichen Sinne ins Geschäft kommen wollen. Eigentlich verbirgt sich hinter diesem
Ausstellungsdruck der Wunsch nach öffentlicher Anerkennung (im
Ausstellen) viel öfter als nach wirtschaftlichem Erfolg. Unser
Gesellschaftssystem definiert allerdings Anerkennung fast durchgängig
über das Medium Geld. Insofern ist der Konkurrenzdruck zuerst einmal innerhalb der Künstlerschaft am größten. Und zwar in verschiedenen Zusammenhängen und Koalitionen: Was den Markt für Kunst angeht, den verteilbaren Geld-Kuchen, konkurrieren hier Künstler, die mittels ihrer schöpferischen Kraft um ihre wirtschaftliche Existenz ringen, mit Lehrern, die wegen eines festen Gehaltes eine wesentlich bessere Ausgangssituation haben, mit wohlhabenden oder fremdfinanzierten Künstlern (zB gut verheiratet ohne Existenzsicherungsdruck) und anderen und anderen und anderen... 3.
Professionelle Künstlerinnen oder Künstler werden oder sein
möchten alle. Und keinem lässt sich das a priori absprechen, behaupte
ich. 4. Der oben angesprochene Geld-Kuchen
ist dadurch nicht größer zu machen, dass ein größeres Angebot
entstanden ist, weil ein überbordendes Angebot
(an Kunst wie auch an Künstlern) die Nachfrage (nach jedem der beiden)
nicht automatisch vergrößert. 2.000 € für ein brillant bis überzeugend bis schlicht bis schlecht gemaltes Aquarell, verkauft anlässlich der Ausstellung einer Rechtsanwaltsgattin in der örtlichen Sparkasse an einen dankbar gestimmten Mandanten ihres Mannes ist zwar als Anerkennung (s.o.) zu gönnen. Dieses Geld ist aber dem Kunstmarkt (dem Geld-Kuchen) unwiederbringlich verloren. Es ist ausgegeben. Und zurück kommt nicht das Geld, wohl aber in wirtschaftlich kritischen Zeiten wie diesen oft genug das Bild, nämlich wenn der Mandant Kohle braucht und meint, das sei ja ein realistischer Preis gewesen, den er damals bezahlt hatte. Und dann noch die Wertsteigerung... Ein größeres Angebot macht den Kuchen also eigentlich kleiner. 5. Vor knapp zehn Jahren hat sich ein damals
durchaus nicht unbekannter, weil um junge Kunst und Künstler sehr sehr
bemühter Galerist von seinen Künstlerinnen und Künstlern getrennt. 6. Tatsächlich ist die große Mehrheit der
Galerien fremdfinanziert. Dies heißt, die Mehrheit der Galeriebetreiber
betreibt die Sicherung der eigenen Existenz nicht durch die Galerie. Sei
es, dass Galerien eigentlich als Liebhaberabteilungen und
Steuer-Kosten-Abschreibungsmodelle betrieben werden (ja, auch da gibt es
Rechtsanwaltsgattinnen - oft genug sind es auch die Anwälte selbst), sei
es, dass einem anderen eigentlichen Brotberuf nachgegangen wird oder
werden muss. Als meine Eltern 1967 ihre Galerie
gründeten, entschieden sie, für ihre Arbeit 50% bei Verkauf zu nehmen.
Dies war damals nicht ganz üblich. Üblich war 40% Galerie - 60%
Künstler. Vor ein paar Jahren prophezeite in einem Artikel für eine
größere Tages- oder Wochenzeitung der damalige Geschäftsführer des
Bundesverbandes Deutscher Galerien, dass in Zukunft die Galerien 60%
verlangen und erhalten würden, und zwar deshalb, weil die
Marketingleistungen von Galerien nicht nur schwieriger und anstrengender
sein würden, sondern auch quantitativ zunehmen müssten, um überhaupt
Kunst abzusetzen. Wenn man aber Ausgaben der gängigen Kunstzeitschriften von heute mit früheren Ausgaben vergleicht, stellt man fest, dass die Anzahl der von privaten Galerien geschalteten Anzeigen für Ausstellungen so sehr abgenommen hat, wie die der von öffentlichen Häusern geschalteten zugenommen. Anders ausgedrückt: So, wie wir privaten Galerien weniger Geld zur Verfügung haben, so müssen die öffentlichen Haushalte zugunsten der öffentlichen Ausstellungshäuser aufgestockt bis aufgebläht worden sein. Ich behaupte, dass der Gedanke, dies sei
eine Gegenbewegung eines Marktes, der auf Grund des Einflusses von vielen
Interessenvertretern oder -vertretungen im Verein mit einer willfährigen
und eigentlich desinteressierten Politik nicht frei gestaltet ist, sondern
gesteuert wird, nicht gar so abwegig ist. Sicherlich aber sind viele Galeristinnen und Galeristen gerade in den letzten beiden Jahren ganz erheblich ins Grübeln gekommen, wie sie ihre Rahmenbedingungen überarbeiten müssen, um sich ein Mindestmaß an Wirtschaftlichkeit zu erhalten. Die Galerien müssen anders arbeiten lernen, oder sie werden nicht mehr sein. 7. Die Tatsache, dass man als Galerist bis zum Abschluss von (mündlichen oder schriftlichen) Verträgen auf Zusammenarbeit ganz sicher hört, dass der Verhandlungspartner (Künstlerin oder Künstler) zwar davon gehört hat, dass andere im Atelier verkaufen ohne teilen zu wollen, oder dass andere an der Galerie vorbeiverkauft haben oder verkaufen, der Gesprächspartner dies jedoch niemals tun würde, korreliert in etwa mit der Wahrscheinlichkeit, dass einem Galeristen genau dies wieder zustoßen wird. Die normative Kraft des Faktischen solcher
Vorgänge lässt uns Galeristen da ziemlich wehrlos und ohnmächtig
dastehen. Bei einer Podiumsdiskussion über
"Galerien im Saarland" im vergangen Oktober sagte der als
Sammler ins Podium geladene Karlheinz Sandhöfer ausdrücklich und
öffentlich, dass er meistens im Atelier kaufe, weil die Arbeiten da um
die Hälfte billiger sind. Nach den Künstlernamen, die er in seiner
Sammlung beherbergt, und die er bei der Diskussion auch aufzählte,
handelt es sich hierbei ganz sicher nicht um Semiprofessionelle. Wer finanziert eigentlich einen Messestand? ... 9. ... Atelier sagt: Die Galerie!, sonst
geht es ab in die Grauzone. Atelier veröffentlicht immer dezidiert; der Tonfall ist stets APOdiktisch, ein echtes starkdeutsch. Ich behaupte aber, dass die Redaktion in den beiden Anm.d.Red. zu den Leserbriefen eine intellektuelle Unredlichkeit durch Juvenilität im Tonfall übertüncht. Umhüllt da eine harte Schale einen weichen Keks? Ein einziges Beispiel (von 10 in 2 hier publizierten Stellungnahmen der Redaktion): "Jeder, der diese Zeitung liest und sich in der Kunstszene auskennt, weiß, ..." Und wenn sich jemand in der Kunstszene
auskennt, aber diese Zeitung eben nicht liest? Die Und-Verknüpfung soll den Eindruck erwecken, dass jemand, der diese Zeitung schreibt, sich in der Kunstszene auskennt, und dass jemand, der diese Schreibe liest, sich dadurch auch dort auskennt. Diesen kurzen Schluss wage ich zu bezweifeln. 10. Ich bestreite seit 20 Jahren mit Kunst
meine Existenz und die meiner Familie. Vor 1990 als Bildhauer und nach
einem Seitenwechsel nun mit dem Beruf Geschäftsführer einer
Kulturmanagement GmbH als Galerist, Verleger, Art Consultant... Knapp 75% des Gesamtumsatzes unseres Unternehmens machen wir außerhalb der Region, in der wir angesiedelt sind. Die Leistungen, die wir für die von uns
betreuten Künstler als Kunstberater, als Galeristen, als Verleger erbracht haben und erbringen, sind angemessen und
bezeugen einen partnerschaftlichen Umgang mit klarer gemeinsamer
Zielsetzung. Wir finden sogar noch Zeit und
Möglichkeit, Künstlerinnen und Künstler dort mit
Hinweisen zu versorgen, gelegentlich aber regelmäßig zu informieren,
die wir persönlich überhaupt nicht kennen wie hier Margit Schäfer oder
Stephan+Verena, oder zu coachen wie Nikola Dimitrov 26.3.2004.,
7.4.2004,
15.4.2004). Als Galerist bin ich nicht der Produzent, sondern der Händler. Dies bedeutet, dass grundsätzlich eine strukturelle Unterlegenheit gegenüber dem Künstler als Inhaber der Produktionsmittel vorliegt. Wer deshalb zu uns passen will, muss zeigen, dass er es ernst meint - und nicht bloß allein mit sich selbst. Und mittlerweile wollen wir wissen, ob eine Künstlerin oder ein Künstler uns meint, oder ob es bloß darum geht, (Ausstellungs-)Gelegenheiten abzugreifen. Und deshalb haben wir Konditionen - im Übrigen für Erstausstellungen - erarbeitet, die verhandelbar sein können, dennoch aber Grundlage unserer Gesprächsbereitschaft bleiben. Der Kunstmarkt ist ein Markt und nicht bloß Kunstszene LIVE. Wer nicht auch geschäftlich denkt, bleibt lebensuntüchtig. Es ist also wie im richtigen Leben, wie beim Bücher und Zeitung und Abos Verkaufen. Die heile Welt. Ein müdes Lächeln.
Mathias Beck | April 2004 |
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