Stellungnahme Mathias Beck     in 10 Absätzen

 

1.

Eine statistische Erhebung vor ein paar Jahren besagte, dass gerade 3% aller Absolventen von Kunsthochschulen von ihrer Kunst ihre Existenz bestreiten können. In diesem Anteil seien besoldete Lehrer übrigens bereits enthalten.
In Wirtschaftssprech übertragen könnte man einen solch überwältigenden Überhang als nahezu absolute Marktsättigung bezeichnen.

Dennoch blähen weiterhin Akademien und Kunsthochschulen ihre Studentenzahlen auf. 
Hier wird nicht auf eine Profession hin ausgebildet (denn das bedeutet ja Professionalität), sondern auf die Halde Hoffnung (im Sinne von fire-and-forget).
Hinter diesem Mechanismus steht das grundsätzlich durchaus nachvollziehbare Interesse der Akademien, sich durch große Studentenzahlen mehr Einfluss und Durchsetzungskraft gegenüber der politischen Ebene (zB den Kultusministerien) anzuspecken.

Die Künstlersozialkasse weist ausdrücklich in Ihrem Merkblatt zum Abgabesatz für 2004 auf "die stetig steigende Zahl von Künstlern und Publizisten" hin, die im übrigen sehr relevant im umgekehrten Verhältnis zur "konjunkturellen Entwicklung, den [dem] Rückgang der an die Künstlersozialkasse gemeldeten Gesamthonorarsummen" zu stehen scheint.
Auch die Künstlersozialkasse hat - wie jede andere Krankenkasse auch - eine grundsätzliche und vielleicht auch grundsätzlich nachvollziehbare Neigung, durch positive Quantifizierbarkeit ihrer Mitglieder in eine bessere Position gegenüber der Politik - und anderen Krankenkassen - zu kommen.
Krämer und Trenkler haben schon 1996 statistisch nachgewiesen, dass alle Krankenkassen zuerst einmal ihre eigenen Interessen und nicht die ihrer Versicherten verfolgen.
Diese gesetzliche Verpflichtung gegenüber der Künstlersozialkasse führt aber - aus meiner subjektiven Sicht als Galerist - dazu, dass 50% Anteil am Verkauf eigentlich nur 47,75% sind. In guten Jahren geht das dann auch ins Geld. In schlechten Jahren wird einfach der Abgabesatz erhöht.
Die Beitragszahlungen an die Künstlersozialkasse sind übrigens steuerlich Arbeitgeberanteile.

2.

Darüber hinaus drängen seit Verbürgerlichung der Künste nach dem Zweiten Weltkrieg auch solche Künstlerinnen und Künstler in den Markt, die keine Ausbildung (im Sine eines echten Studiums) vorweisen, sondern entweder als Autodidakten oder als Studenten auf Zeit an temporären Sommer- und anderen Akademien oder einfach bloß als Dilettanten im buchstäblichen Sinne ins Geschäft kommen wollen.

Eigentlich verbirgt sich hinter diesem Ausstellungsdruck der Wunsch nach öffentlicher Anerkennung (im Ausstellen) viel öfter als nach wirtschaftlichem Erfolg. Unser Gesellschaftssystem definiert allerdings Anerkennung fast durchgängig über das Medium Geld.
Ein Satz wie "Wir haben eine schöne Ausstellung gemacht. Wir haben nichts verkauft",  drückt aus, dass eins durch zwei aufgehoben worden ist.
Ein Satz wie "Ich habe schlechte Kunst gezeigt, aber ich habe alles verkauft", wird auf das Wesentliche zusammengeschnitten: Ich habe verkauft. Alles wird gut. Ich bin erfolgreich. Ich bin gut. etc etc

Insofern ist der Konkurrenzdruck zuerst einmal innerhalb der Künstlerschaft am größten. Und zwar in verschiedenen Zusammenhängen und Koalitionen: Was den Markt für Kunst angeht, den verteilbaren Geld-Kuchen, konkurrieren hier Künstler, die mittels ihrer schöpferischen Kraft um ihre wirtschaftliche Existenz ringen, mit Lehrern, die wegen eines festen Gehaltes eine wesentlich bessere Ausgangssituation haben, mit wohlhabenden oder fremdfinanzierten Künstlern (zB gut verheiratet ohne Existenzsicherungsdruck) und anderen und anderen und anderen...

3.

Professionelle Künstlerinnen oder Künstler werden oder sein möchten alle. Und keinem lässt sich das a priori absprechen, behaupte ich. 
Professionalität wird an den Akademien nicht vermittelt.
Professionalität setzt auch mehr voraus, als nur im Atelier einen Meter geradeaus malen zu können.
Professionalität bedingt, dass man in der Lage sein muss, sich selbst zu vermarkten, zumindest gegenüber einem Galeristen.
Professionalität bedeutet, dass man in Verhandlungen eintreten kann. Dass man eigene Vorstellungen über die Bedingungen des eigenen Arbeitens und des Arbeitens anderer (Partner) entwickelt, und dass man in der Lage ist, Kompromisse zu verhandeln.
Man muss Kompromisse in der Zusammenarbeit mit Galerien nicht finden, aber dann muss man auch wissen, warum nicht.

4.

Der oben angesprochene Geld-Kuchen ist dadurch nicht größer zu machen, dass ein größeres Angebot entstanden ist, weil ein überbordendes Angebot (an Kunst wie auch an Künstlern) die Nachfrage (nach jedem der beiden) nicht automatisch vergrößert
Ein vergrößertes Angebot schafft vielmehr Diversifikation. Ich muss ja nicht bloß das eine Kunstwerk (oder Künstlerwerk = Opus) in Augenschein nehmen, ich muss nicht mit Bogomir XY zusammenarbeiten (s.u.).

2.000 € für ein brillant bis überzeugend bis schlicht bis schlecht gemaltes Aquarell, verkauft anlässlich der Ausstellung einer Rechtsanwaltsgattin in der örtlichen Sparkasse an einen dankbar gestimmten Mandanten ihres Mannes ist zwar als Anerkennung (s.o.) zu gönnen. Dieses Geld ist aber dem Kunstmarkt (dem Geld-Kuchen) unwiederbringlich verloren. Es ist ausgegeben. Und zurück kommt nicht das Geld, wohl aber in wirtschaftlich kritischen Zeiten wie diesen oft genug das Bild, nämlich wenn der Mandant Kohle braucht und meint, das sei ja ein realistischer Preis gewesen, den er damals bezahlt hatte. Und dann noch die Wertsteigerung...

Ein größeres Angebot macht den Kuchen also eigentlich kleiner.

5.

Vor knapp zehn Jahren hat sich ein damals durchaus nicht unbekannter, weil um junge Kunst und Künstler sehr sehr bemühter Galerist von seinen Künstlerinnen und Künstlern getrennt.
Seine damalige Rechnung machte er seinen Bald-Ex-Künstlern wie folgt auf:
Die Kosten und der Aufwand für eine Ausstellung sind für Bogomir XY, für den man Käufer finden muss, mindestens genauso hoch wie für eine Ausstellung, in der ein international berühmter Künstler gezeigt wird, und für den wahrscheinlich genügend Interessenten zu finden sein werden. Unabhängig davon, dass die Medienaufmerksamkeit nicht nur geringfügig höher liegt.
Bei Verkauf einer mittelprächtigen Arbeit von Bogomir XY für 6.000 behält er 3.000 als Anteil. Wenn er einen fetten Superstar verkauft hat er vielleicht nur 30%, aber das ist dann oft ein Vielfaches von den 3.000.
Und das Risiko der Ankaufsgarantie gegenüber dem Ausstellungsgeber bei einer solchen Ausstellung (der so gut wie nie der Künstler ist) trägt man nach ein paar geglückten Ausstellungen auch leichter.

6.

Tatsächlich ist die große Mehrheit der Galerien fremdfinanziert. Dies heißt, die Mehrheit der Galeriebetreiber betreibt die Sicherung der eigenen Existenz nicht durch die Galerie. Sei es, dass Galerien eigentlich als Liebhaberabteilungen und Steuer-Kosten-Abschreibungsmodelle betrieben werden (ja, auch da gibt es Rechtsanwaltsgattinnen - oft genug sind es auch die Anwälte selbst), sei es, dass einem anderen eigentlichen Brotberuf nachgegangen wird oder werden muss.
Das erinnert irgendwie an die Situation, in der sich auch viele Künstlerinnen und Künstler selbst sehen.

Als meine Eltern 1967 ihre Galerie gründeten, entschieden sie, für ihre Arbeit 50% bei Verkauf zu nehmen. Dies war damals nicht ganz üblich. Üblich war 40% Galerie - 60% Künstler. Vor ein paar Jahren prophezeite in einem Artikel für eine größere Tages- oder Wochenzeitung der damalige Geschäftsführer des Bundesverbandes Deutscher Galerien, dass in Zukunft die Galerien 60% verlangen und erhalten würden, und zwar deshalb, weil die Marketingleistungen von Galerien nicht nur schwieriger und anstrengender sein würden, sondern auch quantitativ zunehmen müssten, um überhaupt Kunst abzusetzen.
Dies hat sich bisher nicht durchgesetzt.

Wenn man aber Ausgaben der gängigen Kunstzeitschriften von heute mit früheren Ausgaben vergleicht, stellt man fest, dass die Anzahl der von privaten Galerien geschalteten Anzeigen für Ausstellungen so sehr abgenommen hat, wie die der von öffentlichen Häusern geschalteten zugenommen. Anders ausgedrückt: So, wie wir privaten Galerien weniger Geld zur Verfügung haben, so müssen die öffentlichen Haushalte zugunsten der öffentlichen Ausstellungshäuser aufgestockt bis aufgebläht worden sein.

Ich behaupte, dass der Gedanke, dies sei eine Gegenbewegung eines Marktes, der auf Grund des Einflusses von vielen Interessenvertretern oder -vertretungen im Verein mit einer willfährigen und eigentlich desinteressierten Politik nicht frei gestaltet ist, sondern gesteuert wird, nicht gar so abwegig ist. 
Vielleicht hätte der gute Mann Geschäftsführer damals klug die Klappe halten sollen. Aber auch für Verbände und für Funktionäre gilt dasselbe wie für Krankenkassen. ;-) 

Sicherlich aber sind viele Galeristinnen und Galeristen gerade in den letzten beiden Jahren ganz erheblich ins Grübeln gekommen, wie sie ihre Rahmenbedingungen überarbeiten müssen, um sich ein Mindestmaß an Wirtschaftlichkeit zu erhalten.

Die Galerien müssen anders arbeiten lernen, oder sie werden nicht mehr sein.

 7.

Die Tatsache, dass man als Galerist bis zum Abschluss von (mündlichen oder schriftlichen) Verträgen auf Zusammenarbeit ganz sicher hört, dass der Verhandlungspartner (Künstlerin oder Künstler) zwar davon gehört hat, dass andere im Atelier verkaufen ohne teilen zu wollen, oder dass andere an der Galerie vorbeiverkauft haben oder verkaufen, der Gesprächspartner dies jedoch niemals tun würde, korreliert in etwa mit der Wahrscheinlichkeit, dass einem Galeristen genau dies wieder zustoßen wird.

Die normative Kraft des Faktischen solcher Vorgänge lässt uns Galeristen da ziemlich wehrlos und ohnmächtig dastehen.
Eine Ausstellung ist eine Schaufenster-Veranstaltung zugunsten des Künstlers, deren Erfolg als Marketinginstrument (als Instrument weiterer neuer Verkäufe) im Nachhinein dem Künstler allein zugute kommt, nicht mehr der ausstellenden Galerie.

Bei einer Podiumsdiskussion über "Galerien im Saarland" im vergangen Oktober sagte der als Sammler ins Podium geladene Karlheinz Sandhöfer ausdrücklich und öffentlich, dass er meistens im Atelier kaufe, weil die Arbeiten da um die Hälfte billiger sind. Nach den Künstlernamen, die er in seiner Sammlung beherbergt, und die er bei der Diskussion auch aufzählte, handelt es sich hierbei ganz sicher nicht um Semiprofessionelle.
Stets informiert hält er sich im Übrigen durch Messebesuche und den Kontakt zu Galerien (wie auch immer der beschaffen sein mag).

Wer finanziert eigentlich einen Messestand? ...

9.

... Atelier sagt: Die Galerie!, sonst geht es ab in die Grauzone.
Der Kunstmarkt sagt da mittlerweile eigentlich etwas ganz anderes. Auch wenn das sicherlich nicht in Atelier zu lesen ist.

Atelier veröffentlicht immer dezidiert; der Tonfall ist stets APOdiktisch, ein echtes starkdeutsch. Ich behaupte aber, dass die Redaktion in den beiden Anm.d.Red. zu den Leserbriefen eine intellektuelle Unredlichkeit durch Juvenilität im Tonfall übertüncht. Umhüllt da eine harte Schale einen weichen Keks? 

Ein einziges Beispiel (von 10 in 2 hier publizierten Stellungnahmen der Redaktion): "Jeder, der diese Zeitung liest und sich in der Kunstszene auskennt, weiß, ..."

Und wenn sich jemand in der Kunstszene auskennt, aber diese Zeitung eben nicht liest?
Und wenn jemand diese Zeitung liest, sich aber in der Kunstszene eben nicht auskennt?

Die Und-Verknüpfung soll den Eindruck erwecken, dass jemand, der diese Zeitung schreibt, sich in der Kunstszene auskennt, und dass jemand, der diese Schreibe liest, sich dadurch auch dort auskennt.

Diesen kurzen Schluss wage ich zu bezweifeln. 

10.

Ich bestreite seit 20 Jahren mit Kunst meine Existenz und die meiner Familie. Vor 1990 als Bildhauer und nach einem Seitenwechsel nun mit dem Beruf Geschäftsführer einer Kulturmanagement GmbH als Galerist, Verleger, Art Consultant...
Das ist mein Broterwerb. Für einen anderen habe ich keine Zeit.

Knapp 75% des Gesamtumsatzes unseres Unternehmens machen wir außerhalb der Region, in der wir angesiedelt sind.

Die Leistungen, die wir für die von uns betreuten Künstler als Kunstberater, als Galeristen, als Verleger erbracht haben und erbringen, sind angemessen und bezeugen einen partnerschaftlichen Umgang mit klarer gemeinsamer Zielsetzung.
Wir haben uns gefunden - und sicher - manchmal auch getrennt. 

Und gemeinsam haben wir gute Zeiten gefeiert wie auch schlechte Zeiten durchgestanden. 

Wir finden sogar noch Zeit und Möglichkeit, Künstlerinnen und Künstler dort mit Hinweisen zu versorgen, gelegentlich aber regelmäßig zu informieren, die wir persönlich überhaupt nicht kennen wie hier Margit Schäfer oder Stephan+Verena, oder zu coachen wie Nikola Dimitrov 26.3.2004., 7.4.2004, 15.4.2004).
Und zwar, wo wir mangels Vereinbarung über gemeinsame Zusammenarbeit gerade gar nichts davon haben.

Als Galerist bin ich nicht der Produzent, sondern der Händler. Dies bedeutet, dass grundsätzlich eine strukturelle Unterlegenheit gegenüber dem Künstler als Inhaber der Produktionsmittel vorliegt.

Wer deshalb zu uns passen will, muss zeigen, dass er es ernst meint - und nicht bloß allein mit sich selbst. Und mittlerweile wollen wir wissen, ob eine Künstlerin oder ein Künstler uns meint, oder ob es bloß darum geht, (Ausstellungs-)Gelegenheiten abzugreifen. Und deshalb haben wir Konditionen - im Übrigen für Erstausstellungen - erarbeitet, die verhandelbar sein können, dennoch aber Grundlage unserer Gesprächsbereitschaft bleiben.

Der Kunstmarkt ist ein Markt und nicht bloß Kunstszene LIVE. Wer nicht auch geschäftlich denkt, bleibt lebensuntüchtig.

Es ist also wie im richtigen Leben, wie beim Bücher und Zeitung und Abos Verkaufen. Die heile Welt. Ein müdes Lächeln.

 

Mathias Beck | April 2004