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13. Juli - 13. August 2010

 

 Samuel Mantey 

Kopfsalat | Obergeschoß

 

 

1965 geboren in Stuttgart
1971 - 81 Grundschule und Gymnasium in Bietigheim-Bissingen
1981 Lehre als Bauzeichner | erste Ölbilder und Ausstellungen
1985 selbständig als freischaffender Künstler und Illustrator
1987 Erlernung der Kaltnadelradierung und der Radierung in einem Kupferdruckatelier
1988 Erlernung des Siebdrucks
1994 Einrichtung einer eigenen kleinen Siebdruckwerkstatt
1995 Ausbildung zum Mediengestalter Beschäftigung mit digitaler Bildbearbeitung und konventionellen Druckverfahren
1999 - 2000 Beschäftigung mit digitaler Videobearbeitung
2001 neue Acrylbilder nach eigenen Videoaufnahmen und Fotografien

 

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Samuel Mantey: Kopfsalat 3.6.2005 in der Stadtbibliothek Heilbronn

Eine Ausstellung voller Salatköpfe.
Heißt das Markttag in der Stadtbibliothek – wie es vielleicht das Plakat direkt hinter ihnen suggeriert? Oder werden hier die Obsessionen eines biologisch-dynamisch Bewegten ausgestellt? Oder malt da etwa ein Künstler seine Lieblingsfarbe?

Werfen wir einen Blick ins Atelier des Künstlers im Jahr des Grüns – es ist die Produktion des zurückliegenden Jahres, die Samuel Mantey hier präsentiert.
Blaue Plastikfolie auf dem Boden, darauf eine Ansammlung von Blattsalaten:
Entfaltete, die Köpfe nach oben gereckt, neben Klarsichtfolienverpackten in gleichmäßigen Tönen zwischen Lind- und Maigrün, Frische Köpfe mit angebräuntem Anschnitt an der Unterseite, neben Angegammelten, die gelbstichig und matschigbraun verrotten.

Erste Auslese schafft die Kamera. Ihr Makroblick blendet das Drumherum aus, dringt in die Innenwelten abschattierten Grüns. Auf der Palette breitet sich von Grüne Erde über Permanentgrün bis Bronzeoliv das ganze Spektrum einer Farbe.
Dann wird es auf der Leinwand lebendig. Der Mikrokosmos grüner Blätter faltet sich auf, zeigt Gesichte und Gesichter. Die Vergrößerung bringt an den Tag: der Salat ist im Kopf, im Kopf des Betrachters, der aufgefordert wird, Verwirrung produktiv zu wenden. Felder der (Gedankenverbindungen,) Assoziationen und des Entwirrens.

Lesen wir die Bilder als Landschaften, so entführen sie uns in Schluchten, Täler, und zerklüftete Berge, ziehen uns auf Pfade, die im Irgendwogrün enden.
Landschaften, die bevölkert sind von Drachen, Schlangen, Gnomen und Dämonen – Fremdes, das uns anzieht und Ängste mobilisiert gleichzeitig.
Aus der blauen Folie werden Wasserläufe, die herabstürzen und vorbeirauschen, der Grünwelt Nahrung und Kulisse geben.
Der wuchernde Urwald ist zwiespältig: Lebensspendend und verschlingende Übermacht zugleich. Er ist grüne Lunge und kann grüne Hölle sein.

Picasso meinte, daß die Farben wie die Gesichtszüge den Veränderungen der Gefühle folgen. Umgekehrt und mehr noch: sie erzeugen Gefühle.
Wenn die Farbe mächtig und dominant, fast monochrom, daherkommt, andere als im Mit- und Nebeneinander.
Vom Grün sagt man, daß es harmonisierend wirke, daß es beruhige im Gegensatz zur an- und aufregenden Wirkung von Rot.
Stehen sie nebeneinander kämpfen sie als Komplementärkontrast und puschen sich gegenseitig. Hier kann eine rote Wand zum Glücksfall werden.
Lebensfarben beide, das Chlorophyllgrün, mit dem die Pflanzen in der Photosynthese unsern Atmungsstoff erzeugen, und das Rot des Blutes.
In der Polarität von Blattgrün und Blutrot hält das Leben quasi einen Dialog mit sich selbst.

Samuel Mantey lebt und arbeitet in Lauffen. Er ist Grafiker und Mediengestalter mit Agentur. In seiner Kunst ist er von der Spachteltechnik in Öl über die Reduktion der Farbe in der Radierung schließlich zu fast monochromer Gestaltung, dem Aufbau eines Bildes aus den Hell-Dunkel-Werten einer Farbe gelangt.
Dies ist ein langwieriger, akribischer Malprozess, der in Schichten aufbauend das Bild entstehen läßt und der die Geduld eines Ungeduldigen auf harte Proben stellt, denn Samuel Mantey beschreibt sich als Mensch, der aus dem Bauch heraus arbeitet, wie ein Musiker, der Musik nicht als Umsetzung von Noten begreift, sondern die Töne in sich swingen läßt.

Und die Musik spielt ihm eine gewichtige Rolle.
Fast wäre die Kreativität in diese Richtung gegangen, wenn er in seiner Jugend das Klavier und das Schlagzeug hätte spielen dürfen und nicht die familiär
verordnete Geige, die als Instrument die Hausmusik komplettieren sollte, als die anderen Rollen schon patriarchalisch verteilt waren. Später hat er sich dem Saxophon gewidmet.
Die malerischen Anfänge waren ein direktes Umsetzen von Klang und Rhythmus in Farbkompositionen auf der Leinwand. Heute ist die Musik Inspiration und Antreiber, aber nicht mehr Gegenstand.

Gegenstand gibt es hier und heute nur einen und der ist, soweit als solcher erkennbar, in unterschiedlichen Aggregatzuständen vertreten.
Zunächst die Serie im Erdgeschoß hinter der Ausleihtheke. Kopfsalat verpackt.
Im linken Bild legt sich die halbgeöffnete Klarsichtfolie als zusätzliche Ebene auf das Bild und verstärkt die Sog- und Tiefenwirkung des dunklen Innern der sich faltenden und ein- und entrollenden Blätter.
Daneben schon verwandelt sie sich im Licht in filigrane Architekturen von Kristallen, die sich in eine fremde Welt verirrt haben, um schließlich im dritten Bild die Rolle von hüpfenden Noten und tanzenden Figuren anzunehmen, angeleitet von einer dirigierenden Stimmgabel. Die Lichtpunkte der Folie öffnen die Türe zu Phantasiegeschichten für die das Grün den Stimmungswert liefert.

Eine andere Art der Verwandlung passiert in dem Großformat an der gegenüberliegenden Wand.
Die Blätter werden Struktur. Das Grün überfallt den Betrachter. Der Gegenstand reduziert sich auf Flächen, Formen und Falten, zeigt Strukturen von Lebendigem und Gewachsenem. Gebrochen, krumm, gewunden und ausufernd - gerade und geometrische Linien stammen immer von Menschenhand.

Der überdimensionierte Blick von oben ins Innere ist eine Entdeckungsreise in einen Mikrokosmos. Die Beschränkung auf eine Farbe ist Programm bei Samuel Mantey. Waren es vorher mythische Tiere in Blau oder Räume in Rottönen, so entspricht hier zwar die Farbe dem Gegenstand, die Verfremdung aber entsteht durch das Zoomen aufs Detail.
Die Methode der Beschränkung auf eine Farbe, aus der sich das Bild in Hell und Dunkel entwickelt, ist die der Schwarz-Weiß-Fotographie: Sie konzentriert den Blick, schließt störende Buntgefechte kontrastierender Farben aus und lenkt die Aufmerksamkeit auf Abstufungen und Zwischentöne.

Beigemischt ist hier ein leichter Schauder, der im Farbton liegt.
Grün ist – zumindest in unserer Kultur - oft negativ besetzt. Naturhaft Dämonisches wie Drachen und Waldgeister werden mit giftigem Grün belegt und in Monsterfilmen wird menschenbedrohendes Untier in glibber-alien-grün dargestellt. Kermet, der Frosch aus der Sesamstraße hat schon recht, wenn er sagt: Es ist nicht leicht, grün zu sein.

Das NaturGrün zerrt immer von zwei Seiten an uns: Wildnis weckt Sehnsucht und Ängste. Charles Lindbergh schätzte deren Freiheit und wollte lieber Vögel als Flugzeuge haben. Ordnungsliebende sind da eher für zähmen oder meiden, nach dem Motto „die Welt der Natur sei zu grün und schlecht beleuchtet“ – übrigens ein Satz eines Malers: Francois Boucher.

Unter Samuel Manteys Kopfsalatbildern gibt es einige, deren Reiz gerade in der „Beleuchtung“ liegt. Besonders bei denjenigen an der roten Wand.
Es ist das warme Licht der Übergangsstunden, wenn die Sonne noch oder schon tief steht, wenn das Licht von hinten aus dem Bild kommt. Es lockt den Betrachter über Hindernisse und Abgründe hinweg. Es ist jenes lichte Grün, von dem Hildegard von Bingen meinte, daß an ihm Himmel und Erde erschaffen sind und alle Schönheiten dieser Welt. Aber dort angekommen, wartet garantiert die nächste krundig zusammengeschobene und aufgeworfene Grünschattenlandschaft. Denn fast scheint es, als würde das Grün sein eigenes Licht produzieren.

Dann sind da noch die Bilder des Verfalls. Die Landschaften werden rissiger, zerklüfteter und abweisend. Unwegsam. Die Palette ufert aus. Ockertöne ersetzen das warme Gelb, dazu moderbraun und kühles Blau. Das Licht wird weiß und kälter. Der Salat zieht Grimasse und die Assoziationen wandern weiter weg vom Gegenstand. Zumindest dort, wo nicht die Hundemarke jedes Kopfsalats, die braune Anschnittstelle sich ins Bild schiebt.
Zerfetztes und Zerfallenes. Der Vegetationsexzess verebbt, das Grün zieht Schlieren, die Natur verdaut.

Samuel Manteys Kopfsalate sind keine Pflanzenportraits und keine Appetitmacher.
Es sind Bilder über vegetative Strukturen, über Werden und Vergehen, und es sind Bilder, die den Blick verändern, ihn richten auf einen Mikrokosmos, in dem die Baupläne unserer Welt sich wiederfinden. Bilder, die den Blick schärfen für Details und Alltägliches, das sonst zweckbestimmt betrachtet und damit zielgerichtet übersehen wird, wie man sich der Geschichten begibt, die einem Phantasiebegabten eine Korktapete oder eine Baumrinde erzählen kann.
Und die Bilder sind auch Paraphrasen einer Farbe und das Ausloten dessen, was sie gefühls- und symboltragend vermag.

Günter Grass hat sich dieser Farbe einmal reisend genähert

„Vermont

Zum Beispiel Grün. In sich zerstritten Grün.
Grün kriecht bergan, erobert seinen Markt;
So billig sind geweißte Häuser hier zu haben.

Wer sich dies ausgedacht, dem fällt
Zum Beispiel immer neues Grün
In Raten ein, der wiederholt sich nie.

Geräte ruhen, grünlich überwunden,
dabei war Rost ihr rötester Beschluß,
der eisern vorlag, nun als Schrott zu haben.

Wir schlugen Feuerschneisen, doch es wuchs
Das neue Grün viel schneller als
Und grüner als zzum Beispiel Rot.

Wenn dieses Grün erbrochen wird.
Zum Beispiel Herbst: die Wälder legen
Den Kopfschmuck an und wandern aus.

Ich war mal in Vermont, dort ist es grün…“


Reisen sie heute abend mit…
Doch zuvor möchte ich dem Grün noch eine kleine Ode widmen
am Amboß - Für Samuel Mantey zur Austreibung des „grünen Jahres“

V. Köhler

 

         

 

Über meine künstlerische Arbeit

Bei den Wolfsbilder bzw. der blauen Serie hat mich das veränderte
räumliche Empfinden bei Nacht interessiert. Ich habe seit ich vor 20
Jahren zu malen anfing am Liebsten nachts gemalt. Auch bin ich öfters
nachts in der Natur unterwegs. Spannend daran fand ich wie gesagt die
veränderte Empfindung oder Wahrnehmung des Raumes. Raumempfindung ist
eines meiner grundlegenden Interessen unabhängig vom jeweiligen Motiv.
Mit den blauen Bilder fing es an, dass ich versuchte diese
dreidimensionale Wahrnehmung des Raumes in Bilder umzusetzen und
spürbar zu machen.
Einer meiner Lieblingskünstler ist Yves Klein, der sich die Leere des
Raumes zum Thema gemacht hatte. Ein weiterer Delacroix. Was ich bei ihm
spannend fand ist sein Ansatz durch seinen speziellen Umgang mit der
Farbe, den Motiven Leben "einzuhauchen", lebendig zu machen.
Ein weiterer für mich wichtiger Punkt bei meinen Bilder ist die Farbe
und die Farbklänge um Gefühle und Stimmungen spürbar zu machen nicht
nur sichtbar, sondern spürbar.
Da die Öl-Bilder sehr aufwendig waren - (ein rotes Bild mit einem
Löwen, der eine Hyäne die Gurgel durchbeißt, habe ich ein dreiviertel
Jahr dran gearbeitet mit über 20 Lasuren - leider stellte sich heraus,
dass es schlicht unfotografierbar war - selbst eine Großformatkamera
war nicht in der Lage die gesamten Rotschattierungen auf Film zu
bannen), suchte ich mir dann Motive die für mich selbst so spannend
waren, um es tatsächlich zu "überleben" Geduld mäßig, bis das Bild
fertig war.
Inzwischen sind aber die Bilder nicht mehr so aufwendig - habe deshalb
ja auch unter anderem den Umstieg auf Acrylfarbe gemacht.

Ursprünglich habe ich mich, geprägt durch meine Erziehung viel mehr mit
Musik beschäftigt. Bei uns wurde Hausmusik praktiziert und es war für
mich und meine Geschwister Pflicht ein Instrument zu lernen.
Ursprünglich wollte ich eigentlich eine musikalische Laufbahn
einschlagen, habe mich dann aber doch für die Malerei entschieden.
Geblieben von der Musik ist das "Komponieren" der Bilder mittels
Farbklängen. Für mich eine musikalische Herangehensweise ans Malen.
Oftmals inspiriert mich auch die Musik beim Malen. Während der blauen
Serie sehr viel Minimalmusik des amerikanischen Komponisten Philip
Glass. Ich höre ein und dieselbe CD dann in "Schleife" oftmals bis das
Bild fertig ist - viele hundert Male. (Damals für meine Familie kaum
nachzuvollziehen bzw. auszuhalten).
Beim Wasserbild habe ich mir ein Hardrockklanggewitter von vier
Cellisten (Apocalyptica) zu Gemüte geführt.

Was zur Blumenserie mit inspirierend war: Ich habe mich ein paar Tage
auf einem Singleportal im Internet rumgetrieben. Was für mich damals
absolut schockierend war: Tatsächlich tausende von Leuten, auf der
Suche, mit unerfüllten Sehnsüchten. Die blaue Blume ist ja bei den
Romantikern das Symbol für die unerfüllte, unerreichbare Sehnsucht.

Samuel Mantey

 

 

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