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1. Juni - 24. September 1999

 

 Salvador Dali 

Die Göttliche Komödie | Holzschnitte

 

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DALI. 100 Farbholzschnitte. Illustrationen nach Dante. Die göttliche Komödie. | Auszüge aus der Eröffnungsrede zur Ausstellung am 1. Juni 1999

Ein Auftrag der italienischen Regierung zum 700-hundertjährigen Dante-Jubiläum hat diese Folge von 100 Farbholzschnitten nach der "Divina Commedia" von Dante Alighieri ausgelöst. Salvador Dali arbeitete 1950/51-52 an den Illustrationen. 1960 veröffentlichte Joseph Forêt, Verleger in Paris, Dantes Göttliche Komödie, illustriert mit 100 Farbholzschnitten (von R. Jacquet und J. Tariccio) nach Aquarellen von Dali.

DALI (1904-89) - eine 'Kunstfigur', Surrealist in Kunst und Leben. "Das geheime Leben des Salvator Dali" ist bezeichnenderweise Autobiographie und Schelmenroman.
Ende der 20er Jahre schließt er sich den Pariser Surrealisten an und begegnet seiner späteren Frau und Muse Gala. Später sollte er sich vom Surrealismus abwenden.
Dali hat - in Analogie zu psychopathologischen Phänomenen - eine Kunst entwickelt, die er als seine "activité paranoique - critique" bezeichnete. Nach Dali produziert die "paranoisch-kritische Aktivität" nicht Wahn, sondern belichtet ein Wahnprodukt wie ein photographisches Bild. Für ihn war Paranoia (mit Wahnvorstellungen verbundene Schizophrenie) zum einen ein Äquivalent der Halluzination, zum anderen eine kritische Methode mit eigener Interpretation der Erscheinungswelt.

"Die Göttliche Komödie", die "Divina Commedia", ist Dantes Hauptwerk.
DANTE ALIGHIERI (1265 in Florenz geboren, 1321 nach Verbannung und Jahren der Wanderschaft in Ravenna gestorben) erhält eine gelehrte Bildung und steht mit bedeutenden Künstlern wie Giotto in Verbindung. Im Alter von neun Jahren begegnet Dante Beatrice, der Überlieferung nach die Tochter des Florentiner Bürgers Folco dei Portinari, die sein Leben nicht begleitet, die er jedoch - als Idee ewiger Schönheit - in seinen Dichtungen (auch in der Göttlichen Komödie) verherrlicht.
Dantes Divina Commedia ist eine allegorisch-lehrhafte Dichtung, ein religiöses Werk im weitesten und tiefsten Sinn in 100 Gesängen mit 14230 Versen in Terzinen, das um 1311 bis zum Tod Dantes 1321 entstand. Es besteht aus einem Eröffnungsgesang und drei Hauptteilen: Hölle (Inferno), Fegefeuer (Purgatorium), Paradies (Paradiso) mit je 33 Gesängen. Mit drei Reichen, sieben Planeten, neun Höllen und Himmeln baut es auch auf der Zahlensymbolik auf. Mit den Themen Tod, Läuterung, Verklärung ist diese Dichtung ein Werk von zeitloser Gültigkeit. Sie wurde in fast alle lebende Sprachen übersetzt (auch lateinisch und griechisch) und von bedeutenden Künstlern illustriert.

Die Dichtung zeichnet die visionäre Wanderung des Dichters, eine imaginäre Reise durch die drei nach dem ptolemäischen Weltbild (Planeten bewegen sich um die Erde als Mittelpunkt) geordneten Reiche des Jenseits (Hölle, Fegefeuer, Paradies). Die Erde im Mittelpunkt, eine Hälfte bewohnt, die andere vom Weltmeer bedeckt, umschlossen von Himmeln und Planeten, über allem: der Sitz der Gottheit. Hegel erkannte als erster die philosophische Einheit und deutete die Divina Commedia als Bild des Universums.
Auf seiner Wanderung spricht Dante auch mit den Seelen berühmter Verstorbener über Fragen der Theologie und Philosophie, über die Kirche, den Staat und Italien. Somit umfaßt die Divina Commedia die geistigen Themen des Mittelalters.
Der allegorische Sinn: die Darstellung des Weges, der die sündige Seele zum ewigen Heil führt, aus finstrem Wald, in dem sich der Dichter zu Beginn seiner Vision verirrt sieht und wo reißende Tiere ihm den Aufstieg zur lichten Höhe wehren. Der erste Gesang schildert den Beginn der Wanderung:
"Mittwegs auf unsres Lebens Reise fand
In finstren Waldes Nacht ich mich verschlagen,
Weil mir die Spur vom graden Wege schwand."
Geleitet auf dem Weg zur Rettung wird Dante (der für Seele steht) von Vergil, dem römischen Dichter, der bis in den Barock hinein als höchster Maßstab für große Dichtung galt. Vergil verkörpert Weisheit, Vernunft, Wissenschaft und Philosophie. Er ist gesandt durch Beatrice, die verklärte Jugendliebe, in dieser Dichtung Symbol der göttlichen Gnade. Vergil ist wegweisend, als Beschützer und Lehrer führt er Dante durch die neun Höllenkreise, den Mittelpunkt der Erde zur anderen Halbkugel und zum Berg der Läuterung mit all seinen Stufen, der bei Dante an die Stelle des Fegefeuers tritt. Auf dessen Gipfel, im Garten Eden, entläßt Vergil den durch Miterleben von Schuld und Sühne frei Gewordenen. Im irdischen Paradies nun übernimmt Beatrice die Führung durch die neun Himmel (von Seligen und Heiligen unterwiesen, geprüft und durch Fürbitte geleitet) bis zur Anschauung der Gottheit. Am Ende erfleht der Hl. Bernhard Gnade von der Gottesmutter.
Die Wege durch Hölle, Fegefeuer und Paradies verlaufen nicht geradlinig zum Ziel.
Die Hölle: Die Verdammten, höllische Geister, Gestalten aus der Sage des klassischen Altertums sind zu Dämonen verzerrt. Charon, der Totenschiffer, Minos, der Richter der Seelen, Giganten treten dem Wanderer drohend entgegen. Leidenschafts-, Bosheitssünden und mehr begegnen Dante in den Höllenkreisen. Die Bilder: Pforten, die Vorhölle, Acheron (der Fluß der Unterwelt), Krater, Terrassen, ein Buschwald mit Harpyien, in Dornsträucher verwandelte Selbstmörder, Teufel, Schlangen und ähnliches.
Das Fegefeuer: am Fuße des Läuterungsberges, der sich aus dem Weltmeer erhebt. Wie die Hölle ist das Fegefeuer von Ringterrassen und Felswänden umgeben. Seelen, nach dem Tode körperlose Schemen, werden von einem Engel über das Weltmeer geschifft und harren auf Einlaß zum Bußgang.
Das Paradies mit Planeten- und Sternenhimmel: Dante berührt Sterne und begegnet den Seelen Vollendeter, die ihre Sünden gebüßt haben und nun als Lichter, Flammen und Funken erscheinen.

DALI und DANTE. Illustrationen schuf Dali schon in den 30er Jahren. Es liegt nahe, daß diese Traum- und Weltdichtung, ihre Gestalten- und Bilderfülle, die Engel, die Metamorphosen, die imaginäre Reise durch die jenseitige Welt Dali fasziniert haben. Dalis Hang zum Überwirklichen, zu Bereichen des Unbewußten, zum Traum, Geheimnisvollen, Mystischen macht die jahrelange Beschäftigung mit Dante verständlich. Auch die Verherrlichung einer Liebe in einer Dichtung war Dalis eigenem Leben gemäß, in Dante und Beatrice fand er sich mit Gala, seiner Muse und Lebensgefährtin, die er vergötterte.
Für seine Illustrationen aus der Divina Commedia wählte Dali Szenen und Gestalten aus, die sich zu Neuschöpfungen durch farbliche und formale Züge anboten. Er konzentrierte sich auf den "concetto", den das Bild prägenden Einfall.
Grafische und malerische Elemente bis hin zu barocker Formensprache wirken in ortlosen Bildräumen spielerisch zusammen. Manches erscheint prägnant, manches nur ahnbar. Wir erkennen Figuren aus Linienwirbeln oder als schwindende Schemen.
Die Farben: zart, gebrochen vor hellem Hintergrund, düster oder signalhaft.
Vertraute Motive aus Dali Bildwelt durchziehen diese Bilder: Schubladen, die Leiber öffnen, überlängte Beine, gallertartig verzerrte Gesichter, der Mensch durch seine Sünden entmenscht, verwandelt.
Dali hat eine traumwandlerische Welt zur Göttlichen Komödie geschaffen, skurrile, phantastische Bilder, in denen sich das Verlorensein des Menschen, Stille, Verzweiflung, Bewegtheit mitteilen.

Monika Bugs

 

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