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18. April - 6. Juni 1999
BURGHARD MÜLLER-DANNHAUSEN | CHRISTIAN
CORDES
>> Intranet | in situ



Symbolische Strukturen senden symmetrische
Signale
Bilder von Burghard Müller-Dannhausen und Objekte von Christian Cordes in der Homburger Galerie Monika Beck
Gibt es eine universelle Sprache der Ästhetik? Wenn ja, welche Rolle spielt die Kunst darin? Der britische Kritiker und Semantiker Ivor Armstrong Richards etwa gab dieser Diskussion in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhundert eine neue Stoßrichtung, indem er Kunst definiert als aus der Emotion begründete Sprache, die Ordnung und Klarheit in die Erfahrungen und Ansich-ten bringt, jedoch keine Symbolik beinhaltet. Weiteren Diskussionsstoff liefern der Maler Burg-hard Müller-Dannhausen und der Objektkünstler Christian Cordes, deren Arbeiten derzeit in der Homburger Galerie Monika Beck zu sehen sind.
Der 1947 in Hildesheim geborene Burghard Müller-Dannhausen konzentriert sich in seinem Schaffen ausschließlich auf das Medium der Malerei. Seine in Homburg gezeigten Arbeiten be-schäftigen sich immer wieder mit dem Thema Form und Farbe, Struktur und Fläche, Symmetrie und Ungleichgewicht der Proportion als Provokation für das Auge des Betrachters. Als echtem Maler geht es ihm in seinen Arbeiten vor allem um die Farbe. Man könnte leicht dem Irrtum ver-fallen, dass somit die Farbe im Vordergrund seiner Intention steht, doch das würde bedeuten, nur einen kleinen Ausschnitt aus der umfassenden Konzeption Müller-Dannhausens zu betrach-ten. Denn mehr als um Farbe geht es ihm um das Bild. Für ihn ist Bildhaftigkeit als zentraler Begriff das wichtigste Kriterium seiner Arbeit.
Es scheint, als habe er sich die Kritik des griechischen Philosophen Plato zu Herzen genom-men, der die These aufgestellt hat, dass alle Dinge in der Natur aus einer Idee resultieren. Der Tisch beispielsweise, den ein Tischler herstellt, ist nur das Abbild der ursprünglichen Idee eines Tisches. Kunst ist somit laut Plato wertlos, das sie praktisch das Abbild des Abbildes darstellt. Die Bilder von Burghard Müller-Dannhausen hingegen sind nicht einfach Abbild, sondern wirk-lich sichtbar gewordene Ideen, ergänzt durch das Element der Emotion. Und daher sind seine Arbeiten der Konkreten Kunst zuzurechnen, sie verlassen den Bereich der Mathematik wie sie konstruktive Maler zelebrieren. Müller-Dannhausen verlässt sich auf sein eigenes Farbempfin-den, erfüllt seine Bilder mit einem Hauch von Poesie und kommuniziert so letztendlich mit den Ideen des Betrachters.
Einen ganz anderen Ansatz sucht der 1967 in Bremen geborene Christian Cordes. Auch er lehnt es ab, Abbilder von Abbildern der Idee herzustellen, doch anstatt seine Ideen ursprünglich zu kreieren, sie in ganz neue Dinge umzusetzen, verwendet er bereits Gebrauchtes, scheinbar Wertloses, um es in seinen Installationen in einen völlig neuen Kontext zu setzen. Beeindru-ckend beispielsweise die Installation eine überdimensionalen, beinahe antiken Elektromotors, der sich durch den eintretenden Besucher einschaltet, beim Näherkommen jedoch abrupt seine Tätigkeit einstellt. Oder zwei Edelstahlschüsseln, die wohl ursprünglich der Zubereitung gesun-der Rohkost dienen sollten, werden auf ein schrägstehendes Regalbrett montiert, an anderer Stelle wiederum überrascht ein simpler Drahtkorb mit drei Basketbällen. Solch bewusst gewähl-te Banalität irritiert, befremdet. Christian Cordes möchte sein eigenes Irritiertsein wiedergeben, er möchte nichts Abschließendes äußern, sondern den Betrachter in seiner Sicherheit und Selbstgewissheit erschüttern. Ganz sanft, gerade so, dass man innehält. In einer Zeit, da alles in Bewegung zu sein scheint ein guter Ansatz zur Kommunikation.
Stefan Folz | Die Rheinpfalz


Burghard
Müller-Dannhausen
Malerei
geb 1947 in Hildesheim
1971-72 Studium Werkkunstschule Mannheim
1972-76 Städel Frankfurt bei Johannes Schreiter
lebt und arbeitet in Miltenberg
versucht in seinem Katalogessay an seine Malerei heranzuführen, indem er den Begriff der "Bildhaftigkeit" beschreibt.
Während Konstruktive Kunst ihre Berechtigung und ihre Zielsetzung stets aus naturwissenschaftlichen Gesetzen und Funktionen ableitete, quasi ein Abbild gibt von äußerer Technik im Gegensatz zum Abbild von äußerer Natur, so unterliegt der Konkreten Kunst die Absicht, diese beiden konträren Causae hinter sich und sich ganz auf sich selbst zu verlassen.
Daß Konstruktive und Konkrete gerade in der Malerei so oft verwechselt werden, liegt daran, daß Tafelbilder beider Richtungen formal so ähnlich scheinen. Konkret aber heißt, kein Derivat einer anderen Ordnung zu sein, Fläche nicht auf- und abzurechnen, Farbvalenzen nicht in Laborsituationen zu generieren und gegeneinander abzumessen.
Der Konkrete Maler verläßt sich nicht auf die Mathematik, sondern auf das eigene Farbempfinden. Sollte dies jetzt abfällig gegenüber den Konstruktiven klingen, so täuscht dieser Eindruck. Wir sprechen nämlich dann über den Unterschied zwischen Prosa und Poesie.
Und Müller-Dannhausen kommt im Verlauf seines Essay auf den Begriff der Poesie.
Prosa handelt immer von etwas und versucht uns näher heranzubringen. Gute Poesie tut oft so, und bleibt doch immer bei sich selbst.
In den Raum übersetzt, ist Prosa also immer von hier nach dort in Bewegung, während die Poesie immer schon hier und immer schon dort zu sein scheint.
Gute Prosa muß etwas in sich bergen, was wir ihr entnehmen können. Gute Poesie birgt nicht, sie enthüllt. Ihr mechanischer Ansatz ist der Rhythmus, also die Verknüpfung aus Sprache und Musik.
Was mich an Burghard Müller-Dannhausens Arbeiten so fasziniert ist der poetische Gleichklang von Sicherheit in Farbfindung und Folgerichtigkeit der Flächenaufteilung.
Ich weiß, daß er Ereignisse, Situationen seines Lebens erinnert, beschwört.
Ich weiß, daß die meisten Bilder schnell skizziert und dann über lange lange Zeit bearbeitet werden. Auch an diesen Gedichten wurde gefeilt.
Über das andere läßt sich nicht sprechen.
"Ich weiß nicht, was soll es bedeuten..."
Ich stelle noch einmal fest, daß der Ausstellungsprozess eigentlich in den vergangenen Tagen stattgefunden hat, und daß das, was wir hier jetzt tun, im eigentlichen Sinne nicht als Ausstellungs-Eröffnung bezeichnet werden kann.
Es könnte - wenn wir es denn zuließen - statt einer Eröffnung eine Erschließung sein.
Mathias Beck | April 1999
Christian
Cordes
Objekte
geb 1967 in Bremen
Lehre als techn Zeichner
1989-94 Studium HBK Saar Diplom bei Ulrike Rosenbach
Gehört zu Generation von Künstlern, deren Arbeiten nicht nur als Produkte, Erzeugnisse ihres Schaffens betrachten lassen, und sich in der Veröffentlichung, im Ausstellen als singuläre Objekte abspalten.
Charakteristikum dieser Generation von Künstlern ist vielmehr, daß entstehende Kunstwerke Begleiterscheinung und Zuspitzung von Lebens- und Zeitläuften sind.
Daß also seine Arbeiten wie Schaumkronen auf dem Wasser begriffen sein wollen, integraler Bestandteil davon und dennoch hervorgehoben.
Das hier Ausstellen hat also in der vergangenen Woche stattgefunden und findet heute seinen Abschluß. Insofern, meine sehr verehrten Damen und Herren, haben sie aus unserer Sicht das Wichtigste verpaßt.
Die große Installation mit dem E-Motor vermittelt einen ganz anderen, evt. die Vergeblichkeit großer Entwürfe thematisierenden Ansatz, wenn beim Einschalten statt eines satten Motorengeräusches nur ein klitzekleines KLACK den ganzen Installationsaufbau ad absurdum zu führen droht.
Daß Sie heute dennoch den Motor mit einem KAWUMM starten hören können, liegt daran, daß Christian Cordes 2 1/2 Tage nach dem Fehler gesucht hat, der im Übrigen nicht in der E-Motor-Installation zu finden war, sondern in der Installation, die Generationen von Elektrikern hier errichtet haben.
Unter dem Aspekt, daß für diese Künstlergeneration das eigene Leben und Tun selbst veröffentlichungsfähiger Bestandteil ihrer Kunst ist, erstaunt nicht, wie viele dieser Künstlerinnen und Künstler sich um eine neue Bedeutsamkeit der Semiotik, der Lehre von den Zeichen, bemühen.
Christian Cordes möchte das eigene Irritiertsein weitergeben. Er möchte nichts Abschließendes äußern, sondern uns und unsere Sicherheit der festen Meinung und Selbstgewißheit bloß erschüttern (auf der nach oben offenen Richterskala etwa mit Stärke 2 oder 3, ein leichtes Rumpeln also nur, nichts wirklich Gefährdendes), gerade so, daß wir innehalten.
"Es kommt also darauf an, so könnte geschlossen werden, genau hinzusehen. Nein, gerade darauf kommt es nicht an. ... Genau hinsehen meint, den Focus auf einen bestimmten Punkt richten." (Burghard Müller-Dannhausen)
Genaues Hinsehen verschärft die Banalität des verwandten Materials (E-Motor, Stromkabel, Bewegungsmelder) und die eigentlich totale Absenz von Zaubertricks und Kunstgriffen.
Ein paar Bewegungsmelder installieren, schweres Gerät bewegen und Strom verbrauchen. - Das kann jeder, das ist keine Kunst.
Die Irritation gerade angesichts dieser Arbeit, und die sich immer wieder aus der Grundlehre aller Kunst ergibt, daß Kunst mit einfachen Mitteln aber großem Aufwand entstehen muß, war durchgehendes Thema der letzten Tage in diesem Haus.
Wie funktioniert diese Arbeit?
Sie treten die Tür, passieren dadurch den Bewegungsmelder, der dem Motor den Startimpuls übermittelt. KAWUMM, der Motor läuft. Sie sehen ein von der Decke herabgeführtes schwarzes Kabel. Sie denken sich nichts.
Sie steigen die Treppe nach oben, sehen einen Motor, der läuft, und das ungeschickt quer durch den Raum verlegte schwarze Kabel, das also irgendetwas mit oben und unten zu tun haben muß, und das quer dazu ankomende andere Kabel sowie ein weißes nach führendes Kabel.
Das Motorengeräusch nervt schon, deshalb setzen Sie die Kabelanordnung nicht in ein grafisches Bild um.
Sie nähern sich dem Motor und irgendwann setzt er - gottseidank - aus. Sie treten erleichtert zurück und wollen gerade über die Arbeit nachdenken, da setzt der Motor wieder ein.
Ich habe vorhin absichtlich nicht darauf hingewiesen, daß dieser Satz von Burghard Müller-Dannhausen stammt und in seinem Katalog zu finden ist.
"Es kommt also darauf an, so könnte geschlossen werden, genau hinzusehen. Nein, gerade darauf kommt es nicht an. Das wäre die Sache der schon erwähnten Blindgänger, die mit ihren penetranten Blicken alles befummeln müssen. Genau hinsehen meint, den Focus auf einen bestimmten Punkt richten. Nur dieser eine anvisierte Punkt bildet auf der Netzhaut scharf ab. Der übrige Teil des Gesichtskreises, und das sind weit über 90 Prozent bleibt mehr oder weniger unscharf"
Aber verwenden wir auch diesen nächsten Satz zur Beschreibung von Christian Cordes Irritiertsein an der Welt:
"Die Semiotik definiert das Zeichen als ein Etwas, das über sich selbst hinausweist. Danach kann alles ein Zeichen sein. Nicht die Beschaffenheit macht ein Ding zum Zeichen, sondern die Interpretation des Wahrnehmenden."
Christian Cordes tut also, was jede Kunst legitimerweise versucht, nämlich den Konsensus von Wahrnehmung und Interpretation zu verlassen, um einen neuen herzustellen.
1. Kunst muß aufstören, sogar wenn's arg laut ist.
2. Blindgänger brauchen Dekor.
3. Ohne Blindgänger, keine Kunst.
4. Ergo: Ohne KLACK, kein KAWUMM.
Und mit Verlaub: Es gibt einen Unterschied zwischen Zauberei und Zauber.
Mathias Beck | April 1999
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