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15. August - 26. September 1999
Jahr1000füßler
Jörg Czeschla
Christoph Dahlhausen
Margret Eicher
Walter Henn
Jörn Kausch
Wolfgang Sinwel
Udo Steigner
Rolf Viva
Mathias Weis
Rainer Maria Wehner
Franz Wienerberger
Martin Zeller
Max Beckmann
Salvador Dalí
Delpy
Max Ernst
Francisco Goya
Rudolf Hausner
Alfred Hrdlicka
Allan Jones
Cecil King
Victor Vasarely
Einführungsrede zur Ausstellung und Katalogvorwort
Der Jahrtausendwechsel ist
naturgemäß eine doppelgesichtige Angelegenheit.
Allerdings ist es uns Menschen gelungen, einen eigentlich nur indirekt problematischen
(Weltuntergangs- oder Endzeitstimmung wie Heilserwartungen bei den Hysterikern, die
ansonsten jeder anderen Grundlage entbehren) und nur willkürlichen (die Zeitrechnung als
Hilfsmittel, das in einem eher beliebigen Zusammenhang mit den Vorgängen in der Natur
steht) Umstand zum Y2k-Problem werden zu lassen, das weltweit droht, zu Störungen der
Gesellschaftssysteme in den ersten Tagen des nächsten Jahres zu führen.
Insofern korreliert der eher putzig-niedliche Ausstellungstitel
"Jahr1000füssler"; dieser Name für unser Vorhaben ist gleichermaßen sprechend
wie nichts sagend.
Wir, d.h. meine Schwester Julia und ich, haben das Ausstellungsvorhaben
"Jahr1000füssler" im September 1997 während der art multiple in Düsseldorf
skizziert.
Die von uns entwickelte Frage- oder Aufgabenstellung umfasste:
Welches Potential besitzt ein Kunstwerk, das in anderen zeitlichen und gesellschaftlichen
Umständen entstand, und das heute zuerst unter dem Aspekt einer ästhetischen
Anreicherung und in Wert-Kategorien wahrgenommen wird?
Was ergibt sich, wenn man diese überkommenen Kunstwerke mittelbar über eine Bearbeitung
durch eine zeitgenössische Künstlerin bzw. einen zeitgenössischen Künstler befragt? Im
Grunde ein kunst- oder kulturgeschichtlicher Ansatz ohne die Kunst- oder Kulturhistorik.
Wir erstellten eine Liste von knapp 30 Künstlerinnen und Künstlern, denen wir Arbeiten
größtenteils aus der persönlichen Sammlung meiner Mutter, der ich zu großem Dank
verpflichtet bin, zuordneten. In der Zuordnung suchten wir Korrelationen, Parallelen.
Ein Beispiel: So wie Max Ernst eigentlich keine neuen Welten erfand, sondern vorhandene
Welt ins Mythische, Fremde verschob, so überhöht Martin Zeller in seiner Fotografie und
macht uns die Welt fremd und geheimnisvoll.
Die formalen Kriterien einer Bearbeitung waren:
Keine Zerstörung oder Beschädigung der überlassenen Arbeit. Den halbstarken
kraftmeierischen Ansatz von Arnulf Rainers Bildübermalungen lehnen wir ab.
Keine bloß ungefähre Gegenüberstellung der Kunstwerke im Sinne einer Addition. Kein:
Das war damals dieses, und das ist heute meines.
Was unsere Motive angeht, lassen Sie mich zwei Tatsachen feststellen, die - im
Zusammenhang miteinander - meine persönliche latente Unzufriedenheit mit dem und mein
Unbehagen am Kunstschaffen in Zeiten des Kunstbetriebes verdeutlichen.
Erstens:
Es gehört zu den empfohlenen und trainierten Interviewtechniken, auf gestellte Fragen
nicht zu antworten, sondern stets dem "eigenen roten Faden" zu folgen. Das
bedeutet, dass auf eine oftmals hinterhältig einfach gestellte Frage des Interviewers zu
einer Sache, die alle Zuhörer brennend interessiert, eine längerer -log (sie können die
Vorsilbe beliebig einsetzen) folgt, der zwar nicht die Frage beantwortet, aber das
beinhaltet, was eigentlich nur den Rede-und-Antwort-Stehen-Sollenden brennend
interessiert. Manchmal stellt ein hartnäckiger oder unerfahrener Interviewer nochmals
dieselbe Frage und entlarvt dadurch diese Gesprächstechnik.
Zweitens:
Es gehört zu den Marketing-Bedingungen des Kunstbetriebes, dem Rezipienten und
potentiellen Käufer Wiedererkennungseffekte zu bescheren. Künstler, die Erfolge zeitigen
wollen, brauchen eine "Handschrift", um einen Markt zu finden.
Bezogen auf die ökonomischen Bedingungen auch des Kunstschaffens sollte man aber
ehrlicher den Begriff des "Markenzeichens" statt "Handschrift"
anwenden.
Wir wissen, dass auf umkämpften Märkten, die enger werden, die bestehen, die eine Marke
entwickeln, sie durch Werbung einprägen, und sich damit positionieren.
Drei daraus abgeleitete pessimistische Behauptungen:
Stellen Sie der Kunst eine Frage, und sie wird gezwungener- und notwendigerweise ihrem
"roten Faden" folgen.
Durch die spezifischen Bedingungen des Kunstbetriebes lebt der Künstler heute im
Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit.
Die Sprengkraft von Kunst taugt heute noch zum Abbrennen von Feuerwerken, mit denen man
ein Fest abschließend ausschmückt, geistige Kriege lassen sich damit nicht mehr wirklich
führen.
Jetzt ist die Ausstellung fertig, und steht zur Besichtigung. Sie ist inzwischen auf
zwölf Künstlerinnen und Künstler - eine eigentlich erwartete natürliche Größe -
geschrumpft.
Jörg Czeschla und Dieter Geyer - Gustave Doré-Bibel | Prolog zur Ausstellung |
Schöpfungstext, der anspruchsvoll ist, aber vieles von dem, was hier geschehen ist, vorab
erläutert
Mathias Weis - Alfred Hrdlicka (Thomas Becker danken) | Radierung v Hrdlicka in anderen
ironischen Kontext, der mit der Arbeit nichts zu tun hat
Walter Henn - Delpy Schule von Barbizon | Landschaftsgefühl im 19. Jhrdt u heute
Trotz, Ablehnung: Rolf Viva - Max Beckmann | wird eingesargt, Behauptung der eigenen
Position
Martin Zeller - Max Ernst | Formal äußerlich eine Nebeneinanderstellung, aber
Farbverschiebung auf Max Ernst zu | Spiel m dem ägyptischen Motiv | quasi Illustration
Christoph Dahlhausen - Victor Vasarely | formale Herangehensweise | Spiel mit Licht und
Raum
Wolfgang Sinwel - Rudolf Hausner | ironische Auseinandersetzung m den Obsessionen
Hausners, der übrigens auch einer der Professoren Sinwels war
Udo Steigner - Salvador Dalí | Thematisierung des Salvador Dali-Problems im merkantilen
Bereich
Franz Wienerberger - Allan Jones | Ansatz Pop Art war Alltagsgegenstände
aus ihrem Zusammenhang zu nehmen und durch Verfremdung einer neuen Sicht
zu unterwerfen | Tapen führt dieses am Objekt fort
Rainer Maria Wehner - Cecil King | Aufnahme der Formensprache und Fortführung im
Monumentalen
Margret Eicher - Francisco Goya | Kriegsberichterstattung, die ihre Schrecken verloren hat
| Medialisierung der Wirklichkeit, die eine kritisch empfundene Beliebigkeit des
Schreckens generiert
Jörn Kausch | Versuch, Epiphanie (Erscheinung des Göttlichen in der Welt) zu beschreiben
Mathias Beck | August 1999
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Jörg Czeschla | Dieter Geyer
Prolog


Schöpfung - eine strukturbildende Maßnahme
von Dieter Geyer
Wie man es auch anfängt - sprachlich so jedenfalls nicht, denn die aktuell Geltung
beanspruchenden Zeitansagen werden umgehend lauthals Einspruch erheben und sich per
relativierender Zeichen-Setzung ins Recht setzen. Denn einer kritischen Überprüfung -
man sie feministisch, strukturalistisch oder dekonstruktivistisch (und selbstverständlich
immer nachkantianisch) orientiert sein - halten und hielten weder das
patriarchalisch-vereinamende Man noch das unpersönlich ontologisierende Es noch die
Voraussetzung eines Anfangs, die sich der obsolet gewordenen Idee des Ursprungs
verpflichtet weiß, auch nur im Ansatz stand.
Wie "man""es"auch "anfängt" - die Idee der Schöpfung,
obwohl in unseren Breiten rettungslos christlich-religiös konnotiert, ist einfach nicht
wegzudenken bzw. nicht einfach wegzudenken; schon gar nicht als wirkmächtiges Element
eines Deutungshorizontes, in den die Tradition - ob das den Betroffenen gefällt oder
nicht - das künstlerische Schaffen und das Selbstverständnis des Künstlers stellt.
Genau genommen besteht kein Anlass mehr, eine religiöse Überhöhung des Künstlertums
oder den Amoklauf des erneut reanimierten Originalgenies seligen Angedenkens zu
befürchten. Schon der alttestamentlichen Kosmogonie, deren Tohuwabohu dem giechischen
Chaos gar nicht so fern steht, lässt sich nur gewaltsam ein vorgängiges Nichts (creatio
ex nihilo) einschreiben, das primär göttliche Totalitätsansprüche untermauern sollte.
Der Begriff des Nichts ist ohne das ihm entsprechende Andere weder sinnvoll verwend- noch
verstehbar.
Dies bedenkend, scheint der Gedanke der Schöpfung - sowohl den Prozess als auch das
Produkt benennend - nach wie vor geeignet, einen spezifischen (spezifisch künstlerischen
?) Zugang zur Realität bzw. Zugriff auf die Welt zu ermöglichen und zu erhellen.
Ob Töpfergott oder Wortschöpfer, Demiurg oder Poet, Handwerker oder "Wortmetz"
(G.Grass) - kurzum: Techniker im ursprünglichen Wortsinn -: In Tradition und Moderne ist
da immer eine/einer, die/der sich zu dem, was ist, in Beziehung setzt (und gesetzt sieht)
und mit seinen je eigenen Mitteln reagiert, korrespendiert und strukturiert; dergestalt
als bildender Künstler Zusammenhänge fort- und umschreibend ( auch umschreibend), die
zwar - so will es das aktuelle philosophische Ondit - in keiner Weise hintergehbar sind,
sich aber einer gestaltenden = deutenden Annäherung (oder auch Distanzierung) nicht
verweigern.
Anders ausgedrückt: Wahrnehmung (=Deutung) von Welt initiiert einen Schaffungsprozess,
dessen Produkte wiederum die unterschiedlichsten Weisen der Rezeption provozieren - ein
potentiell unabschließbares Gespräch, dessen Wert jenseits des Quantifizierbaren,
Verwertbaren und wohlfeil Vermittelbaren anzusiedeln ist.
Vor diesem Hintergrund versteht sich ein Projekt, das eine Vielzahl von Künstlern
unterschiedlichster Provenienz jeweils mit einem Werk der - älteren und neueren -
Tradition konfrontierte und sie so einlud bzw. auf- und herausforderte, sich mit den je
eigenen Ausdrucks- und Gestaltungsmitteln auf die Vorgabe zu beziehen. Die künstlerischen
Ergebnisse einer solchen - durch die getroffene Vorauswahl selbstverständlich schon
vorstrukturierten - Bezugnahme können nicht zuletzt einer wechselseitigen Erhellung der
Inhalte und Gestaltungsmodi dienen.
Das rein Reproduktive (dessen "Reinheit" keinesfalls ausgemacht ist) einmal
ausgeklammert, zeugt das wie auch immer welthaltige Kunstwerk - beschreibend,
kommentierend, wertend - von einer Differenz zwischen dem gewählten Gegenstand und dem
Resultat der produktiven (gegebenenfalls auch destruktiven) Aneignung. Unabhängig davon,
welches Medium in Dienst genommen wird - der künstlerischen Erschließung von
Wirklichkeit eignet immer auch das Moment der Abgrenzung und des Kontrastes. Das Werk
verdankt sich einem Gestaltungsimpuls, der strukturierend und konturierend auf seinen
Gegenstand reagiert und einen Entwicklungsprozess einleitet, an dessen Ende etwas
entstanden ist, dem sowohl die Ausgangssituation als auch der Schaffensakt selbst
inhärent sind. Je nach künstlerischem Selbstverständnis kann die technische Seite ganz
bewußt - gewissermaßen demonstrativ - als Strukturmerkmal in das Werk integriert werden;
wie das zum Beispiel im Medium der Fotografie schon im Sprachlichen sinnfällig wird, da
hier dem Werk in doppelter Weise der Entwicklungsprozess eingeschrieben ist.
Es ist die spezifische Differenz, die das Vorgegebene, Hergebrachte, vielleicht seit
langem Unbefragte zum Sprechen bringt - oder zumindest den Resonanzboden bereit stellt,
der das vermeintlich sicher oder gar endgültig Festgestellte und Ausgedeutete wieder in
Schwingungen versetzt und damit eine neue (andere?/erneu(er)te?) Wahrnehmung ermöglicht.
Dies gilt gleichermaßen für die "nur" erfahrene wie auch für die
"schon" künstlerisch gestaltete Realität.
Nicht zuletzt aufgrund der unabweisbaren verfahrenstechnischen und strukturellen Analogien
(im Blick auf Kontrastierung, Segmentierung und Sequenzierung) erweist sich - jenseits
religiöser Konnotation - der Begriff der Schöpfung immer noch bzw. wieder als
leistungsfähige und aussagekräftige Chiffre für künstlerisches Schaffen, selbst wenn
es sich primär oder ausschließlich relativ neuer technischer Medien bedient.
Wohlgemerkt: Hier ist keineswegs von Kunst-Kunst im Sinne parasitärer oder epigonaler
Vereinnahmungsversuche die Rede, sondern von der Fortsetzung, Vertiefung und Potenzierung
eines Gesprächs, dessen Kontinuitäten und Brüche eine permanente Auseinandersetzung
dokumentieren, die eine bildnerische Grammatik vielfältiger Bezüge und Beziehungen
zeitigt. Was da auf unterschiedlichste Weise inhaltlich, formal und technisch Nähe oder
Distanz zur Vorlage bekundet, errichtet insgesamt (Be-) Deutungsraum, den der Betrachter
wachen Sinnes durchmessen kann, um - konfrontiert mit den Ergebnissen einer Konfrontation
- einmal mehr der eigenen Wahrnehmungs- und Deutungsmuster innezuwerden.
Dieter Geyer
Christoph Dahlhausen | Victor Vasarely


In Gordes in der Provence gibt es ein Vasarely-Museum in
einer alten Innenstadtburg, daher der Name Gordische Arbeit, zugleich
natürlich auch eine kleine Anspielung auf den Gordischen Knoten.
Die Vasarely-Arbeit stellt eine aus vier dreidimensional dargestellten
Kuben-Gebilden zusammengesetztes Polygonal dar. Ein wenig erinnert die Arbeit an
Escher-Zeichnungen. Der Vasarely-Siebdruck ist sehr starkfarbig, mit orange und kräftigem
Blau mit einer schwarzen Einfassung (Rahmen). Der schwarze Rahmen stellt ein Bindeglied zu
meinen Arbeiten her, denn auch das Rot des manuell bearbeiteten Colorfotopapiers kommt aus
dem tiefen Schwarz heraus. Die starke Farbigkeit des Siebdrucks stellt aber zugleich einen
deutlichen Kontrast zur zurückgenommenen Farbigkeit der Fotoarbeiten dar.
Der Siebdruck wird - auf das exakte Sockelmaß zurechtgeschnitten - unter einer 15
mm dicken und somit sehr grün wirkenden Glasscheibe präsentiert, die mit dem Sockel eine
Einheit bildet. An der Wand hängt/schwebt ein schmaler Stahlreifen, der innen mit einer
webig bearbeiteten schwarzen Colorfotopapierfläche ausgekleidet ist. Der Stahlreifen ist
so montiert, daß die Halterungen kaum mehr bemerkbar sind. Auf einem zweiten identischen
Sockel wird eine weitere Stahlarbeit präsentiert. Hier ist der Stahlring im Durchmesser
ca. halb so groß, jedoch an der Seite ungefähr 10x so breit wie der erste Stahlreifen.
Beim zweiten Stahlreifen ist die äußere Stahlfläche mit schwarzem Colorfotopapier
überdeckt (aufkaschiert), das mittig manuell bearbeitet ist.
Christoph Dahlhausen
Christoph Dahlhausen geht den Dingen auf den Grund. Nicht
allein im übertragenen Sinne, sondern sehr konkret. In all seinen Werkzyklen - so sehr
sie sich auch von ihrer äußeren Erscheinung unterscheiden - untersucht er mit
fototechnischen Mitteln erzeugte Bilder auf ihre Möglichkeiten und deren Grenzen,
Aussagen über die Realität zu treffen. Die "Wahrheit der Farbe" beispielsweise
ergründet er in unmittelbarem 'Angriff' auf Colorfotopapier. Für seine so titulierte
Werkserie (seit 1996) setzt er sein Material, das Fotopapier, dem Licht aus, so daß es
nach der Entwicklung eine tiefschwarze Färbung angenommen hat, wobei die spiegelblanke,
hochglänzende, absolut staubfreie Lackschicht jede Berührung gerade zu verbieten
scheint. Christoph Dahlhausen bricht das Tabu und greift zu Schleifpapier. Mit
vorsichtigen Bewegungen verletzt er die Oberfläche, schmirgelt Kleinformen hinein und
legt damit verborgene Ebenen frei. Die lichtsensible Emulsion aus je einer blauen, roten
und gelben Schicht, die durch vollkommene Belichtung nach dem Entwicklungsprozeß die
Mischfarbe Schwarz in reinster Form erzeugt, wird sozusagen seziert. Der Künstler reibt -
fast wie ein traditioneller Bildhauer durch Abtragung aus dem Stein eine Form herauslöst
- Spuren in die glänzende Fläche und schleift die blaue, Teile der roten, Teile der
gelben Auflage weg, bis er an manchen Stellen sogar an das weiße Trägermaterial stößt.
Gelbrote kreisförmige Spuren und Linien von immenser Leuchtkraft stehen am Ende in
grafischem Spannungsverhältnis als scheinbar aufgesetzte Figuren auf schwarzem Bildgrund;
sie springen dem Auge förmlich entgegen, das Figur-Grund-Verhältnis hat sich verkehrt.
Der jeweilige Stahlreifen wurde hier mit Colorfotopapier ausgekleidet und in der oben
beschriebenen Weise bearbeitet, es kommt zur Interferenz des Rostrot des Materials mit der
hervorgeschliffenen roten Fotoschicht - optisch analoge Ergebnisse unterschiedlicher
Veränderungsprozesse. Mit seinen Arbeiten, die in ungeahnte Ebenen des Fotopapiers
vorstoßen und auf für Fotografie unspezifische Weise Räumlichkeit thematisieren,
eröffnet Dahlhausen eine neue Perspektive auf die Wirklichkeit des Mediums selbst, das
eben nicht nur Realität abzubilden vermag, sondern gleichfalls eine ist.
Claudia Heinrich
Wolfgang Sinwel | Rudolf Hausner

Eva's Söhne
Adam hatte also sieben Töchter. Möglicherweise hatte er den Verlust des Paradieses auf
diese Art zu kompensieren versucht. Allem Anschein nach war zu diesem Zeitpunkt die
Fortpflanzung noch nicht richtig konfiguriert gewesen. Wie sollten wir uns sonst die
offensichtliche Gleichaltrigkeit der Töchter erklären. Eineiige Mehrlinge - ohne
Zweifel. Adam, der Vater, in gespenstisch ungesund wirkendes Licht getaucht, lässt es auf
seinem heiligenscheinähnlich umrahmten Haupt geschehen. Sieben weibliche, noch
jungfräuliche Wesen vergnügen sich, unbedarft, was die Zukunft bringen könnte. Doch wo
war Eva. Hatte sie, in Enstprechung dieses ausgelebten Ödipuskomplexes, sich mittlerweile
mit männlichen Nachkommen umgeben?
Rudolf Hausner blickt nach innen - blickt in sich hinein, hat das Abgelebte ebenso
wie das Heranwachsende in seiner Arbeit zum Thema stilisiert. Er nimmt Adam's Abbild
unermüdlich und bedeutungsschwanger in sein Oeuvre und versucht gleichzeitig, die
Psychoanalyse, basierend auf Sigmund Freud, als Entwicklungs- und Interpretationsmodus zu
verarbeiten. Anthropozentrisch, religiös, würde ich meinen. Ich denke, Rudolf Hausner
war ein gläubiger Mensch. Versorgt mit dem Schöpfer und der zugehörigen
Schöpfungsgeschichte findet die Auseinandersetzung mit dem Dasein statt.
Meine ersten malerischen Schritte akademischen Ausmaßes absolvierte ich unter den
Augen dieses Malers Rudolf Hausner. Hatte vielleicht zuwenig Freude an seiner Freud'schen
Orientierung, bin dann dem anthropofugalen Denker und Schriftsteller Ulrich Horstmann
begegnet und habe so den Dingen ihren Lauf zu lassen gelernt. Melancholisch, depressiv,
sagt man mir deshalb gerne nach. Melancholisch lasse ich gelten, hat es doch mit einer
versuchten Klarsicht der Dinge fernab jedweder Egozentrik zu tun. Adam fehlt in
meiner Schöpfungsgeschichte (siehe http://www.sinwel.com)
stattdessen machen mich die emotional immer schwieriger zu handhabenden wissenschaftlichen
Ergebnisse und die daraus resultierenden Verhaltensweisen des zu Ende gehenden
Jahrtausends neugierig und denkwillig. Die sperrigen Nester - Wiege allen Lebens - sind
verlassen (Nest:Vogel:fliegen - welch erhebender Gedankengang um unseren urzeitlichen
Wunsch nach Flugfähigkeit). Kein Adam mehr in meiner Geschichte. Auch keine Eva, trotz
aller Hochachtung und Befürwortung der längst fälligen Gleichstellung der Geschlechter.
Die Nachkommenschaft hat sich absentiert, von den Altvorderen gelöst - wird anscheinend
nicht mehr an den Ort des Geschehens (oder doch Nichtgeschehens) zurückkehren. Um in
harmonisches:kontorverses Gleichgewicht mit Hausner's Arbeit treten zu können, haben nun
invers Eva's Söhne ihren großen Auftritt. Die kindliche Leichtigkeit ist verloren, noch
ahnungslos werden Adam's Töchter von ihren - geschlechtlich undefinierbaren - Widerparts
umringt. Nicht mehr (wie bei Hausner auf die Druckvorlage) gemalt, stattdessen am
Bildschirm über Grafikprogramme per Maus digital gezeichnet und (in Einklang mit Hausner)
gedruckt, blicken uns Wesen an, denen versteckt menschliche Aspekte aus den Augen
leuchten. Nicht mehr eineiige Mehrlinge (siehe oben), stattdessen aus
Modulen:Klebeetiketten generierte Wesen zeigen ihr gleichartiges Gesicht. Invitro,
Hormonbehandlung oder Klone sind keine Fremdworte mehr. Unsere Artgenossen beginnen,
andere Gestalt anzunehmen - und was ist naheliegender als die Annahme, dass damit
untrennbar anderes Denk- und Handlungsvermögen verbunden ist. Ob dabei unser
hochverehrter Adam noch seine Würde aus der Menschheit Gnaden bewahren kann, wage ich zu
bezweifeln. Eines steht fest: Beim Rausschmiss aus dem Paradies hatte er absolut noch
keine Ahnung vom Y2k-Problem.
Wolfgang Sinwel
Margret Eicher | Francisco Goya


Walter Henn | (Kopie nach) Delpy (Schule von Barbizon)


Jörn Kausch | unbekannter Meister d Frührenaissance

Udo Steigner | Salvador Dalí


"Das Publikum soll genauso wenig wissen wie ich selbst,
ob ich Spaß mache oder es ernst meine", sagte Salvador Dali über seine Arbeiten.
Wahrheit und Lüge, Ernsthaftigkeit und böswilliger Witz - Polarität zeichnet das Werk
Dalis aus. So steht am Anfang meiner Arbeit die Frage: Ist ein Augenzwinkern erlaubt oder
Sinn und Zweck?
Der Grafik von Dali nähere ich mich fotografisch. Rund ein Dutzend Polaroids mit der
Großbildkamera entstehen, um die Formen einzufangen, zu transformieren, optisch
einzutauchen in das Werk. Ich stosse auf Unergründliches. Ob ich nun will oder nicht:
Dieser Tauchgang muß gestoppt werden, bevor der Dalische Tiefenrausch mir die Sinne
nimmt.
Weg mit der Arbeit in einen Museumskarton, fest verzurrt; der Knoten auf der
Rückseite des Kartons gibt nicht Preis, wie sicher dieses Gefängnis ist. Das Polaroid -
aufgeklebt und leicht vergänglich - erinnert mich an den Kampf mit Dali. Die Schnüre
bilden ein Kreuz - Religiosität oder Spiel der Formen?
Ich muß raus aus dem haptischen Erlebnis, brauche Abstand: Rund 50 Zentimeter vor
der Linse der Kamera beruhige ich mich wieder. Da hängt der Karton, das Gefängnis der
Tiefe an einer Wand. Harmlos, unfähig sich zu befreien, doch mit gewaltigem Potential
raschelt der Inhalt beim Ausrichten vor dem finalen Bild.
Wie oft mag diese Grafik den Druckstock verlassen haben. Kann ich vertrauen, will
ich glauben oder muß ich zweifeln?
Ein dünner Faden hängt vor dem Polaroid. Ich entferne ihn nicht. Er erinnert mich
an die dünnen Beine der Dalischen Tierwelt.
In der Dunkelkammer schwimmen vier Abzüge im Wässerungsbecken - nicht identisch,
aber ähnlich, verblüffend gleich. Eine Serie von vier Arbeiten, vierzig
Arbeiten, 400 Arbeiten, 2000 Arbeiten? Ja, es sind die Nummern 1996, 1997, 1998 und 1999
einer Auflage von 1. Und ich bin mir sicher: Das Publikum weiß genau wie ich selbst, ob
ich Spaß mache oder es ernst meine!
Udo Steigner Rolf Viva | Max Beckmann



Ausgerechnet eine Radierung von Beckmann! Nirgendwo ist
Beckmann so miserabel wie in seinen Radierungen. Man sieht, wie mühsam und ungelenk er
die Kaltnadel über die Kupferplatte führt (Ausrutscher schlecht retuschiert; Ecken, wo
Rundungen sein sollten, u.s.w.) und hört das scheußliche Kratzen und Schreien der Nadel
auf dem Metall.
Zur miserabelsten aller Beckmann-Radierungen wurde mir jene Version des
Dostojewski-Portraits, die ich von Mathias Beck zur Bearbeitung erhielt! Schon im
Augenblick der ersten Konfrontation (sic!) entwickelte sich eine heftige und körperliche
Aversion, die sich zunehmend steigernd erst auflöste, als ich die jetzige Bildlösung
gefunden hatte - ein herrlich kathartischer Akt!
Ein Ausbund an Häßlichkeit, der uns in dieser Radierung begegnet; unrasiert, schlecht
frisiert, schlecht angezogen - und entstellt. (Ein Positivum nebenbei: Erstmals erlebte
ich die Rasur als eine befreiende Wohltat!) Oder formaler: Eine übergewichtige
Komposition, die durch die rechteckige und dunkle Masse des Bartes sowie das Rechteck des
Kragens (?) nach unten gezogen wird. Der leere (!) Kopf kann dieses Gewicht nicht
ausgleichen. Und die Horizontale der Augen vermag sich nur mit größter Mühe über
der Bildmitte zu halten. Die angestrebte Plastizität fällt in diversen
Konturverschmelzungen (z.B. am Ohr) in sich zusammen. Die Auseinandersetzung mit diesem
Scheusal reduzierte sich rasch auf die Hauptfrage:
Hatte Dostojewski eine Hasenscharte?
In ersten unbeholfenen Versuchen, diese Scheußlichkeit entweder zu überarbeiten oder
aber in Szene zu setzen (Kopien 1- 3) verlegte ich mich auf
Säuberungsaktionen - tradition russe oblige! Zuerst wurde mein Gegner
rasiert, dann die Hasenscharte (ob real oder nicht, war mir zu diesem Zeitpunkt schon
schnuppe) wegoperiert und schließlich die Falten durch ein Lifting geglättet. Das
Resultat (Kopie 4) war nicht nur ästhetisch ansprechend, sondern öffnete mir auch den
Weg zu einer eigenständigen kreativen Arbeit. Diese wurde durch ein einziges Ziel
geleitet:
Weg mit dem Ding!
Nach verschiedenen Modellen, deren Unzulänglichkeiten die
Scheußlichkeit des Objektes und damit meine Aversion nochmals steigerten, verdoppelte ich
die Idee des Verschwindens, indem ich ihr die Idee der Unwissenheit zuordnete: Eine
möglichst exakte Kopie der Originalradierung wurde hergestellt; beide wurden auf
identische Art und Weise gerahmt und sodann in zwei unterschiedliche Objekte integriert
(verpackt). Dabei wurden die Rahmen von einem Helfer mit der Rückseite nach
oben und in eine mir nicht bekannte Reihenfolge auf den Tisch gelegt. Ich weiß also
selbst nicht, in welcher Verpackung sich das Original bzw. die Kopie befindet.
Beide Objekte sind so gefertigt, daß sie nur mit einem - mir äußerst angenehmen -
hohen Beschädigungsrisiko für Original und Kopie zu öffnen sind. Der
hypothetische Käufer der beiden Objekte, der glaubt, er könne durch deren Zerstörung
des Originals habhaft werden, wird dieses mit großer Wahrscheinlichkeit ebenfalls
zerstören. Ich bitte den hypothetischen Käufer, bei dieser ästhetischen Wohl-Tat
anwesend sein zu dürfen!
Rolf Viva
Martin Zeller | Max Ernst


In meiner Arbeit geht es um die Frage, was Fotografie
übermitteln kann, welche Wirkung und daher auch Verantwortung diesem Medium zukommt. Was
mich an Max Ernst interessiert, ist weniger das einzelne Werk, als seine Haltung dem Leben
und der Kunst gegenüber, diese Suche nach dem Fremden in sich selbst.
Wenn ich hier neben eine Grafik von Max Ernst zwei eigene Fotografien hänge, ist es eine
meiner Absichten, dass ich den Betrachter in ein Spannungsfeld verschiedener Zeiten und
kulturellen Räume stellen will. Der Aspekt von Zeit und Raum, diese der Fotografie
zugeschriebene Eigenschaft, erfährt hier eine neue Dimension. Die formale Beziehung der
künstlerischen Positionen assoziiert inhaltliche. Man muss die hier entstandene
Wahlverwandtschaft genau auf das hin untersuchen, was sie gemein hat und was sie trennt.
Martin Zeller
Mathias Weis | Alfred Hrdlicka


Anlässlich des Ausstellungsprojektes
Jahr1000füssler finanziert die Firma KLIMA BECKER die Rahmung der Radierung
Die Vorhölle von Alfred Hrdlicka.
Als Gegenleistung wird das Engagement der Firma KLIMA BECKER auf der Glasscheibe der
Rahmung erwähnt.
Mathias Weis
Rainer Maria Wehner | Cecil King

Franz Wienerberger | Allan Jones





>> Intranet | Abbildungen
Jahr1000füßler ansehen
>> Intranet |
Edition
Monika Beck | Katalog Jahr1000füßler ansehen
>> Intranet |
Ausstellungsbesprechung
| Leo Magazin | 12.8.1999
>> Intranet |
Ausstellungsbesprechung
| Saarbrücker Zeitung | Dr Sabine Graf | 21.8.1999
>> Intranet |
Ausstellungsbesprechung | Saarbrücker
Zeitung | 24.8.1999 | 1.
Abschnitt | 2.
Abschnitt
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