Galerie Monika Beck
Mathias Beck. Kulturmanagement GmbH
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21. Mai - 25. Juni 1995

 

 Sieglinde Böhm 

Utopie | Fotografie Malerei

 

Biographie Sieglinde Böhm

 

 

Erfahrung erster Evolutionsutopien
Werke von Sieglinde Böhm in der Homburger Galerie Beck

Kunst ist in erster Linie ein kreativer Schaffensprozeß, der im Idealfall voller Überraschungen steckt. War im traditionellen Kunstverständnis der Weg und das Ziel des Schaffensprozesses schon im voraus festgelegt, wovon besonders Portrait- und Landschaftsmalerei Zeugnis ablegen, so verlieren sich in der Moderne diese Zwänge immer mehr. Eine Methode, diese neugewonnene Freiheit zu nutzen, zeigen zwölf Arbeiten von Sieglinde Böhm, die derzeit unter dem Titel "Utopie" in der Homburger Galerie Monika Beck ausgestellt werden.
Sieglinde Böhm, 1943 in Schlesien geboren, nutzte ihre kreativen Fähigkeiten zunächst im Bereich Modedesign, den sie in den Sechziger Jahren an der Ostberliner Hochschule erlernen konnte. Direkt im Anschluß an diese Ausbildung wendete sie sich dann dem Studium der Malerei und Grafik an der Kunsthochschule Ostberlin zu, der Stadt, in der sie seit 1975 als freiberufliche Künstlerin tätig war. 1981 gelang ihr die Übersiedlung in die BRD. Heute lebt und arbeitet Sieglinde Böhm im pfälzischen Kusel. Nach Ausstellungen in Leningrad, Berlin, Stockholm und Hamburg fand die Künstlerin 1993 durch eine Ausstellung im Saarländischen Künstlerhaus Saarbrücken auch in unserer Region Beachtung. 1994 begann eine konstruktive Zusammenarbeit mit Galerist Mathias Beck, die in der derzeit gezeigten Ausstellung erste Früchte zeigt.
Acht Fotografien in einer jeweiligen Auflage von 10 Exemplaren, arabisch numeriert, und vier Unikate in Mischtechnik umfaßt die gezeigte Auswahl aus dem Werk Sieglinde Böhms. Die Künstlerin verwendet für ihre Arbeiten ein großes Plakatformat, verzichtet jedoch bewußt auf plakative Wirkung. Aus der Malerei heraus entwickelte sie Möglichkeiten, sich die Technik der Fotografie zunutze zu machen. Im Verlauf eines Prozesses von Bildmalerei, Fotografie der Malerei, Wiederübermalung, Collagierung, Montierung des fotografierten Bildes und schließlich Wieder-Fotografie entstanden interdisziplinär angelegte Arbeiten, die gleichermaßen Fotografie und Malerei sein können. Diese Technik gibt schon erste Hinweise auf das Grundthema Sieglinde Böhms: Die Zeit in ihrer Fähigkeit zur grenzenlosen Ausdehnung, in ihrer Eigenschaft des Kein-Ende-Findens. Ein geschaffenes Werk findet theoretisch nie ein Ende, da es jederzeit verändert und ergänzt werden kann und sich durch die Verknüpfung Malerei-Fotografie jederzeit neue Experimente ergeben könnten. Kunst wird so zu einem Prozeß, der Dynamik und Veränderung im Kern beinhaltet, der Künstlerin jedoch die Möglichkeit offen hält, am bestehenden Zustand festzuhalten. Veränderung ist letztendlich nicht schicksalsgegeben, sondern dem freien Willen des Menschen unterworfen.
Die Motivik Sieglinde Böhms knüpft an diesen Ansatz an, führt ihn weiter, beleuchtet ihn aus anderen Perspektiven. Der evolutionären Aspekt der Existenz der Dinge im Allgemeinen und des Menschen im Besonderen wird dabei immer wieder betont. So zeigen einige Arbeiten das Ei als Urform des Lebens schlechthin, andere lassen Schriftzeichen als Symbol des Eintritts des Menschen in einen kulturellen Kontext erkennen. Die Chronologie der Existenz wird in der Darstellung des Universums einerseits und der Abbildung des Individuums einerseits deutlich: Es findet eine Entwicklung vom Zustand der Dinge hin zum menschlichen Ego statt.

Stefan Folz | Die Rheinpfalz

 

 

Themen zwischen Tod, Liebe und Erotik 
Von Michael Seyl 


In einer vage angedeuteten Landschaft steht ein Fuß. Mächtig und bestimmend tritt er aus nächtlichem Dunkel hervor. Der Fuß, ein Pars pro toto, steht an Stelle eines Selbstporträts der in Kusel lebenden Künstlerin Sieglinde Schuhmann-Böhm. Die neben dem Fuß das Bild vertikal durchkreuzende Linie ruft Assoziationen an einen Lebensweg hervor. Die Linie steigt auf, verdickt sich, reißt ab, beginnt von neuem und verweist durch ihre Unregelmäßigkeit auf die Unwägbarkeiten des menschlichen Lebens und Daseins. 
Der Lebensweg von Sieglinde Schuhmann-Böhm ist durch Brüche der verschiedensten Art und damit in Verbindung stehenden Neuanfängen gekennzeichnet. Ein entscheidender Einschnitt ist 1981 zu verzeichnen, als die 1943 in Schlesien geborene Künstlerin aus der ehemaligen DDR in den Westen Deutschlands übersiedelte. Davor studierte sie nach einer Ausbildung als Schneiderin und Modedesignerin Malerei und Grafik an der Kunsthochschule in Berlin. Seit 1983 lebt sie in Kusel. 
Das anfangs beschriebene großformatige Bild "Der Weg" ist 1991 entstanden und als eine Art Standortbestimmung zu verstehen. Nach einer Phase des Suchens scheint die Künstlerin wieder auf festem Boden zu stehen. Eine bestimmte Richtung ist eingeschlagen, ein Neuanfang gemacht. Darauf deutet auch der in den goldfarbenen Fuß gemalte, strahlend leuchtende Neumond, ein Symbol für Werden, Geburt und Wachstum. Die Künstlerin hat dieses Thema auch in einer "Phönix-Serie" aufgearbeitet. In mehreren Bildern verweist der aus Asche beziehungsweise aus Flammen aufsteigende, abstrahiert dargestellte Vogel auf das sich durch den Tod erneuernde Leben. 
Diese Bilder sind programmatisch für die Arbeiten der letzten Jahre, in denen sich Sieglinde Schuhmann-Böhm in großformatigen, zum Teil wandfüllenden Bildern und Installationen mit der Bewußtwerdung und Reflektion des Lebens auseinandersetzt. Dabei spielt das Thema Tod eine hervorragende Rolle. So hat sie in dem Gemälde "Totenbett" Totenköpfe, die auf die verschiedenen Stationen des Lebens hinweisen, auf einem Sarkophag nebeneinander angeordnet. Vor dem Steinsarg sind Fußspuren zu sehen. Die Botschaft ist ebenso klar wie bedrückend: Jeder wird selbst einmal mit dem eigenen Tod konfrontiert. Die Bilder der Künstlerin können als Mahnung verstanden werden, sich im Leben mit dem in unserer Gesellschaft an den Rand gedrängten Thema Tod zu befassen. 
Die Bilder sind meist aus einem spannungsreichen Hell-Dunkel-Kontrast entwikelt. Daneben verwendet sie vermittelnde Grün-, Braun- und Grautöne. Bewußt setzt sie Goldfarbe und Blau ein, die auf das, was nach dem Tod sein könnte, hindeuten: auf einen Zustand der Geistigkeit. Und die nicht selten eingesetzte Farbe Rot steht für das, was das Leben so schön macht: Liebe und Erotik. 
Sieglinde Schuhmann-Böhm verbindet die Themen Eros und Tod zum Beispiel in einem Schuh-Stilleben. Auf einer dunklen Bühne fällt das Licht auf einen roten und einen weißen Schuh, ein Paar zertanzte Ballettschuhe, die sie in Kreuzform anordnet. Dabei ist ihr eine eindrucksvolle Reduktion des aus mittelalterlichen Totentanzdarstellungen abgeleiteten Motivs des zu Ende gehenden Tanzes gelungen, der das irdische Sein des Menschen als ein Durchtanzen von Raum und Zeit auf sein Ende hin beschreibt. Was bleibt, ist das "Prinzip Hoffnung" - von Sieglinde Schuhmann-Böhm angedeutet in der Farbe Rot. 

Aus: "Bildende Kunst im Raum Kusel", Druckerei und Verlag Koch, Kusel 1994, S. 14f.

 

 

Ausstellungsbesprechung | Saarbrücker Zeitung | W Kappler | 30.5.1995