| |
9. Dezember 2007 - 9. Januar 2008
Balamon
gleichwohlgleich zum Siebzigsten | Arbeiten auf Leinwand
und Papier


1937 geboren am 23. Mai in Merseburg, Sachsen-Anhalt
1958 - 1966 Studium der Mathematik, Philosophie und Kunstgeschichte in
Göttingen und München
1966 - 1997 autodidaktische Weiterbildung als Maler, berufliche Laufbahn
1997 - 2001 Studium der Freien Malerei an der Alanus-Hochschule in
Alfter und der Europäischen Kunstakademie in Trier
Sept. 2001 Diplom Freie Kunst an der Alanus-Hochschule
April 2002 Mitglied im BBK Bonn bzw. BBK Köln
Seit 1992 wurden Einzel- und Gruppenausstellungen in Trier, Fredeburg,
Leverkusen, Wuppertal, in Köln, Frankfurt, Mannheim und Berlin, in Bonn
und Umgebung ausgerichtet.
in situ




Bilder in
situ ansehen
Weitere Bilder in situ ansehen | Fotos Nikola Dimitrov

Einführungsrede
Meine sehr verehrten Damen und Herren,
Begrüßen möchte ich auch zwei ganz wichtige Frauen des heutigen Abends,
einmal Dorothée Pirrung, die wir im vergangenen Monat mit ihren
plastischen Arbeiten gezeigt haben, und von der Sie nun auch Malerei
sehen, und Verena Paul, die schon zur Plastik gesprochen hat, und nun
auch in die Ausstellung von Dorothée Piirrung einführen wird.
Vier Männer bleiben übrig, die ich Ihnen kurz vorstellen möchte.
Rob den Boer, der jüngste in der Runde, 1968 geboren und Holländer und,
wie Sie sehen, die Behauptung untermauernd, dass die Holländer heute
wenn nicht die größten, dann doch die längsten Menschen auf der Welt
sind. Überragend.
Jinmo Kang, Koreanischer Bildhauer, 1956 geboren, und Meisterschüler des
saarländischen Bildhauers Leo Kornbrust an der Akademie in München, von
dem wir schon einmal 1996 Arbeiten hier präsentiert haben.
Zwei Ausstellungen von fünf haben wir dann eingerichtet zum Siebzigsten.
Einmal für Balamon, geboren in Merseburg, und hier in der Galerie zum
ersten Mal mit einer Ausstellung, zum anderen für Walter Henn, geboren
in Frankfurt, und hier in einer Einzelausstellung zum sechsten Mal seit
1984 präsentiert.
"Mit sich'rem Auge" nimmt sich Walter Henn einem Sehnsuchtsbild des
Abendlands an: der Idylle. Bezeichneten die alten Griechen mit dem Wort
eidyllion ursprünglich ein kleines, eigenständiges Gedicht oder
Bildchen, verwandelten Dichter wie Theokrit, Vergil und Catull, vor
allem aber die Ideale der Romantik diese Kunstgattung in den Inbegriff
eines harmonisch verklärten Landlebens. Mit der Auflösung des Bildlichen
in eine Landschaft, wie er sie sieht, beschreitet Henn den umgekehrten
Weg: So verwandelt der bevorzugt in Zyklen arbeitende Maler
oberflächlich erschlossene Naturbilder in Seelenwelten und spielt auf
der Suche nach den Ursprüngen des eidyllion mit Wahrnehmungsmustern und
Wunschträumen. "Die plötzliche Erscheinung eines Vorstellbaren, jedoch
nie Wirklichkeit Werdenden – die nur im Bild wie selbstverständlich
wirkende Darstellung des Unmöglichen" führt dazu, dass Henns gemalte
Momentaufnahmen eher Moritaten als Idealkopien klassischer Landschaften
gleichen. Diesen Aspekt unterstreicht auch die räumliche Anordnung
seiner auf Papier gefertigten und anschließend auf Leinwand aufgezogenen
Arbeiten: Je nachdem nämlich, welche Sequenz der Betrachter
herausgreift, ergeben sich immer neue "Idyllen".
Aber auch das, was zu Balamons Ansätzen und künstlerischen Auffassungen
angemerkt werden kann, könnte gleich für Walter Henn gelten.
Balamon beschreibt nämlich durchaus hintergründig den Werkprozess, der
seinen Arbeiten auf Leinwand und Papier vorausgeht. "Ich beginne wieder
ein neues Bild zu malen. Ich weiß von Anfang an, ich male wieder das
‚gleiche Bild‘. Ob ich gleich die Formen und Farben ändere, den
Pinselstrich variiere und alles hinter mir lasse und alles neu entdecke:
Ich male immer das ‚gleiche Bild‘, immer die gleiche Ordnung".
Gleichzeitig weist er darauf hin, dass das Erklären dieser Ordnung einer
Interpretation seiner Arbeiten gleichkommt. Konzeptionelle Grundlage
seiner aus Flächen und Farben konstruierten Werke sind die Prinzipien
der konkreten Malerei, wobei nach Balamons Ansicht "nichts wahr ist
außer der Farbe". Diese wiederum begreift er als "konstante Energie",
als "die Grundsubstanz der Malerei, die nicht anderes als sich selbst
bedeutet."
Indem Balamon um die Wirksamkeit der malerischen und visuellen Ordnung
weiß, transformiert – und durchbricht – er diese auf einer anderen,
geistigen Ebene, wenn er in seinen aktuellen Werken gezielt gesetzte
Versatzstücke aus Mathematik, Philosophie und einer im Alltag
verhafteten Kunstgeschichte zu vielschichtigen Collagen verdichtet. "Die
Menschen", weiß Balamon, "suchen allenthalben nach dem Sinn: Sei es der
Sinn des Lebens, der Sinn der Träume, der Sinn der behördlicher
Vorschriften.
Nur in der Malerei", stellt er verwundert fest, "ist die Sinnfrage nicht
erlaubt. Das erklärt das Geheimnis um die Malerei, das Unverständnis
gegenüber der reinen Malerei und die Sucht nach dem wunderbaren Bild".
Rob den Boer bekennt: "Ich bin sehr an Figuren interessiert, die ich in
der Realität immer wieder in diverser Gestalt wahrnehme, und die darum
in bestimmtem Maße zeitlos sind", und erwähnt in diesem Zusammenhang
Kreis, Quadrat und Parabel.
"Mein Werk atmet jedoch den Ursprung der Bedeutung dieser Figuren, weil
sie unlöslich mit dem verbunden sind, was sie repräsentieren. Die
Inspiration zur Gestaltung eines abstrakten Werkes kann dabei nach
seinen Worten aus allem entstehen: "Meist gehe ich von dem aus, womit
ich mich im Moment der Gestaltung als Person beschäftige. Die Figuren,
die dabei in mir wachgerufen werden, dienen als Ausgangspunkt. Einmal an
der Arbeit, ergibt sich die nächste Linie aus der vorherigen".
Seine Grafik rekurriert ihrem Wesen nach Skulptur bzw den Raum. In ihnen
offenbaren sich nicht nur die Faszination und die unendliche
Formenvielfalt der Linie, sondern auch Rob den Boers Fähigkeit, sie in
spontan erscheinende, tatsächlich jedoch verblüffend differenzierte
Mikrokosmen zu übertragen.
Bemerkenswert ist inosfern die Entwicklung seiner ganz eigenen
Handschrift in den vergangenen Jahren in der absoluten Betonung der
Linie. Bei allen Grafiken und Zeichnungen ist der Aspekt hervoruzuheben,
dass den Boer weglassen kann, dass seine Arbeiten stets ein wohl
temperiertes Verhältnis zwischen Lineatur und Ausparung aufweisen, dass
jedweder geschaffene Zwischenraum in den Linien gleichsam atmet.
Bei Jinmo Kang hingegen richtet sich der Wunsch nach Ausdruck und Bannen
mittlerweile auf Holz und auf Objekte des Alltags, die er in der
bildhauerischen Bearbeitung transformiert. Dadurch werden diese
alltäglichen Gegenstände sozusagen zu mythischen, weihevollen Mahnmalen
der Wirklichkeit: diesseitige Transzendenz.
Gleichzeitig Skulptur und Plastik entsteht seine Kunst aus persönlichen
Erfahrungen, der Faszination von Materialien und der jeweiligen
intuitiven Inspiration heraus. Welche Geheimnisse sind bereits angelegt?
Was will sich in dem Werk ausdrücken?
Welche Geschichten liegen noch im Verborgenen und wollen an die
Oberfläche? sind dabei Fragen, denen Jinmo Kang beim "Werden lassen"
folgt: Hierbei sind das bewusste jeder Arbeit vorangestellte gedankliche
Experimentieren und Improvisieren, die Integration von "Früherem" – Kang
hebt diese zeitbezogene Definition verschiedener Epochen in seiner Kunst
auf ungewöhnliche Weise auf –, das Spontane, Erhabene einerseits
Voraussetzung, andererseits aber auch Ergebnis seines schöpferischen
Gestaltens.
Mathias Beck

IMMER DAS GLEICHE BILD - IMMER DIE GLEICHE ORDNUNG
(BALAMON 11/2006)
Ich beginne wieder ein neues Bild zu malen. Ich weiß von Anfang an, ich
male wieder das „gleiche Bild“. Ob ich gleich die Formen und Farben
ändere, den Pinselstrich variiere und alles hinter mir lasse und alles
neu entdecke: Ich male immer das „gleiche Bild“, immer die „gleiche
Ordnung“. Umso einfacher sollte es sein die Ordnung zu erklären, die ich
da male.
Ich male „konkret“. Was heißt aber „konkrete“ Kunst? In den Thesen der
Gruppe de Stijl in Art Concret (Paris) 1 -1930, 3. Abschnitt und in den
Kommentaren dazu heißt es:
„Das Gemälde muss ausschließlich aus rein bildnerischen Elementen
konstruiert werden, d. h. aus Flächen und Farben. Ein Bildelement
bedeutet nichts anderes als „sich selbst“, folglich bedeutet auch das
Gemälde nichts anderes als „sich selbst“... In der Malerei ist nichts
wahr außer der Farbe. Die Farbe ist eine konstante Energie, sie bestimmt
sich durch den Gegensatz zu einer anderen Farbe. Die Farbe ist die
Grundsubstanz der Malerei; sie bedeutet nicht anderes als sich selbst.“
Diese Sätze sind die Urdefinition dessen, was „konkrete“ Malerei ist.
Jeder Pinselstrich ist somit zunächst konkret und die Summe aller
Pinselstriche ebenfalls, es sei denn, ich forme sie derart, dass eine
abstrakte gegenständliche Form auf meiner Leinwand und/oder auch im Kopf
des Betrachters entsteht.
In der Stijl-Gruppe war nun der Begriff “konkret“ gekoppelt an die
Begriffe exakt, konstruktivistisch, mathematisch, messbar,
wissenschaftlich. Das ist aus heutiger Sicht eine unverständliche
Einengung der eigenen Definition, die nur historisch bedingt und zu
verstehen ist. Anti-impressionistisch wollte man sein. Gleichwohl
bedeuten die Linie und Fläche eines Jackson Pollock, Sam Francis und
Jerry Zeniuk auch nichts anderes als „sich selbst“. Diese sind genau so
„konkret“ wie Mondrians Flächen und Linien. Ich füge hier das Wort
„stochastisch“ im Gegensatz zu konstruktivistisch hinzu: Ein
zufallsbedingter Vorgang ist nicht exakt definiert, er läuft in einer
mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit ausgzeichneten Bandbreite ab. Wenn
Pollock seine Farblinie setzt, dann ist das Ergebnis nicht konstruiert,
aber willkürlich ist es schon gar nicht. Das Ergebnis ist in einer
gewissen Bandbreite wahrscheinlich. Wenn Francis mit der Farbquaste über
seine Leinwand läuft, so sind seine Farbflächen nicht beliebig gesetzt,
aber teilweise überlässt er alles dem Spiel der Malbewegung.
Die konkrete Malerei unterteilt sich somit in eine konstruktivistische
und in eine „stochastische“ Richtung. Die Welt des Malers ist einfach
und übersichtlich: Es gibt die von den Dingen der Welt abstrahierenden,
gegenständlichen Bilder und andererseits die konkreten
konstruktivistischen oder konkreten stochastischen Bilder. Alles, was
nicht abstrakt ist, ist konkret. Die These ist: „Ich bilde nicht ab, ich
bilde“ (Hans Arp). Der konkrete Maler darf auf beide konkrete Spielarten
eingehen. Der konkrete Maler darf oder muss die ganze Spannweite der
konkreten Bildelemente nutzen. Aber was tue ich nun an diesem derart
definierten Ort?
Der Maler kann über die Regeln seines Tun, über die „Ordnung“ seiner
Malerei, seiner Bilder nichts sagen. Gleichwohl (fast) alle Maler reden
über ihre Ordnung, ihre Komposition, ihre Struktur, über ihr Anliegen
etc.. Insbesondere die konkreten Maler reden davon, denn sie haben
nichts als ihre „Ordnung“ im Sinn. Sie malen kein Abbild oder Urbild,
sie stellen keine Bedeutung dar, nichts Geistiges, nichts, was hinter
den Dingen steht. Nun die malerische „Ordnung“ - ich bleibe bei diesem
Wort - hat mit der üblichen Semantik des Begriffes Ordnung nichts
gemein. Ordnung ergibt sich z. B. aus den zehn Geboten, aus den
Gesetzbüchern, aus den Regelsystemen der Wissenschaft und der
Wirtschaft. Die malerische, die visuelle „Ordnung“ wird auf einer
anderen geistigen Ebene, allein durch rein visuelle Mittel erkannt. Das
hat seinen guten Grund:
Sarah Kofman in „Die Melancholie der Kunst“, Paris 1986: „Ein Bild will
nichts aussagen. Wenn das sein Vorhaben wäre, wäre es tatsächlich dem
Wort unterlegen und müsste von der Sprache „aufgehoben“ werden, um eine
Bedeutung, eine klar mitteilbare Bedeutung zu erhalten. Zwischen der
figurativen Ordnung des Bildes und der diskursiven Ordnung der Sprache
gibt es einen Spielraum, der durch nichts aufzufüllen ist.“ Kofman
begründet nun ihre These jedenfalls in diesem Artikel nicht weiter. Es
gibt zwei Gründe, warum ich mit der Sprache, mit dem Denken der Malkunst
nicht beikommen kann.
Einmal ist die Struktur der Sprache inkompatibel zur visuellen
„Ordnung“: Ich kann zwar ein Bild beschreiben, so wie ich eine
Landschaft beschreiben kann, ich kann aber nicht erklären, warum ein
Bild ein gutes Bild ist. Die „logische Form“ der Sprache lässt eine
Erklärung der Kunst nicht zu. Die „logische Form“ der Begriffe wird
durch deren Verwendung definiert (Ludwig Wittgenstein). Die Bedeutung
des Wortes „Rot“ etabliert sich im Laufe meines Lebens durch die
Mannigfaltigkeit der Verwendung: Vielleicht lege ich dem Wort „Rot“
zunächst nur die Bedeutung „farbig“ bei. Aber im Weiteren werde ich das
Wort „Rot“ mit einem engeren Erscheinungsbild in Verbindung bringen. Ich
lerne oder erkenne mehr als nur eine farbige Umgebung, ich differenziere
die Farbe Rot und nenne sie „rot“. Das Wort „Rot“ bildet eine
Sprachstruktur, wir erlernen sie durch seine Verwendung. Die
Verflechtung, die Verwendungsmöglichkeit der Worte definiert die Sprache
und die Welt. Das Kunstwerk hat jedoch keine Verwendung; es ist einfach
nur da. Mehr kann es nicht, mehr will es nicht, mehr sollte niemand
erwarten. Das Kunstwerk wird betrachtet, bewundert, abgelehnt oder
verketzert, aber verwendet wird es nicht. Das Bild an die Wand zu hängen
oder im Museumsdepot aufzubewahren ist keine Verwendung, die den
künstlerischen Wert erklären könnte.
Zum zweiten ist die Sprache selbst ein Bild dieser Welt (Wittgenstein).
Ich kann den künstlerischen Wert eines Bildes nicht durch die
Betrachtung eines anderen Bildes erläutern. Dieses andere Bild hat
gegebenenfalls seine eigene Wirksamkeit; diese ist jedoch unabhängig von
der Wirkung des ersten Bildes und sagt jedenfalls über jenes nichts aus.
Ich erkläre die künstlerische Wirksamkeit eines Bildes von Leonardo
nicht dadurch, dass ich von diesem Bild ein Photo mache und es
demonstrativ hoch halte und rufe, das ist Kunst. Zwangsläufig bin ich
auf einer anderen Ebene.
So sind der Maler und gleichermaßen der Betrachter mit seiner visuellen
„Ordnung“ allein. Niemand kann darüber sinnvoll reden. Die Fragen, die
von dritten gestellt werden, sind nicht sinnvoll gestellt und können
nicht sinnvoll beantwortet werden. Die Menschen suchen allenthalben nach
dem Sinn: Sei es der Sinn des Lebens, der Sinn der Träume, der Sinn der
behördlicher Vorschriften. Nur in der Malerei ist die Sinnfrage nicht
erlaubt. Das erklärt das Geheimnis um die Malerei, das Unverständnis
gegenüber der reinen Malerei und die Sucht nach dem wunderbaren Bild.
Die visuelle „Ordnung“ ist grundsätzlich sinn - los; das ist die
melancholische Situation der Malerei, von der Kofman spricht.
Willem de Koning sagt: „Die Kunst in der Malerei ist der für immer
stumme Teil, über den man endlos reden kann.“ Auch an dieser Stelle
hilft der Sarkasmus von Kofman weiter: „Der Spielraum zwischen der
figurativen und der diskursiven Ordnung ... ermöglicht einen wuchernden
Diskurs, der das Bild einer peinlichen Befragung unterzieht, wie um ihm
gewaltsam ein Geheimnis zu entreißen, das es verschwiegen und schamhaft
zurückhielte. Ein geschwätziger Diskurs, der das Bild mehr verbirgt, als
dass er das entscheidende Wort zum Rätsel liefert, und der von der Angst
regiert scheint, die die beunruhigende Fremdheit dieser Stimmen des
Schweigens hervorruft. ... Denselben Vorgang des Zudeckens führen die
Kataloge aus, bei denen so mancher Betrachter Zuflucht sucht, um darin
eine scheinbar objektive Beschreibung zu lesen, die jedoch mit
Werturteilen und projizierenden Interpretationen vermischt ist, die die
vorgebliche Reinheit der Beschreibung beeinträchtigen. Das implizite
Postulat solcher Beschreibungen ist eine vollkommene Homogenität der
figurativen und der diskursiven Ordnung, die es erlaubt, von der einen
zur anderen zu wechseln, wie man von einem Zeichensystem zu einem
anderen wechselt, und dabei einen Rest identischen Inhalt zu bewahren.“
Die Aussagen der Maler zu ihrer „Ordnung“ stehen nur für die
Hilflosigkeit plausibel und nachvollziehbar über die „Ordnung“ zu
reden. Gleichwohl reden die Maler gerne über ihre „Ordnung“, sofern sie
reden – ich verweise z.B. auf Kandinsky (1), Richter (2) und Zeniuk (3).
Zitate dieser Art kann man beliebig weiter aufzählen. Am prägnantesten
spricht es Marc Rothko (1983) aus: „Ich habe einen Ort geschaffen.“ Ein
Ort ist stets durch seine Ordnungsmerkmale, durch erkennbare
„Koordinaten“ definiert. Nur darum geht es in der Malerei.
Was soll der Maler nun tun, welches Bild soll er malen, soll er auf den
Glauben oder Irrglauben oder auf die „Ortskenntnis“ seiner Umgebung
bauen? Welche „Ordnung“ soll er präsentieren, über die man nicht reden
soll, weil man darüber nicht reden kann? Oder geht er den Weg mit David
Hockney: „Ich male, was mir gefällt, wann es mir gefällt und wo es mir
gefällt mit gelegentlichen nostalgischen Ausflügen“.
Rothko sah die Situation allerdings etwas differenzierter, „es sei mit
der Kunst eben genauso wie mit den Primeln. Die Dinge haben ein
Eigenleben, das unter kundigem Auge gedeiht und bei mangelnder Beachtung
erlischt und deshalb sei die Entlassung eines Kunstwerkes in die Welt
ein riskanter und leichtfertiger Akt“.

Abbildungen
Mischtechniken Collagen ansehen
(1)
W.Kandinsky in „Über das Geistige in der Kunst“ am Ende des Kapitels VII
- Theorie:
„Und gerade hier liegt die Zukunft der Harmonielehre der Malerei. Die
„irgendwie“ zueinander stehenden Formen haben doch im letzten Grunde
eine große und präzise Beziehung zueinander. Und schließlich lässt sich
auch diese Beziehung in einer mathematischen Form ausdrücken, nur wird
hier vielleicht mehr mit unregelmäßigen als mit regelmäßigen Zahlen
operiert. Als letzter abstrakter Ausdruck bleibt in jeder Kunst die
Zahl.“
(2)
Gerhard Richter sagt in einem Interview mit Benjamin Buchloh 1993/94:
Buchloh: „Aber alles in Deinen abstrakten Bildern zielt doch darauf
die traditionelle, rationale Ordnung aufzuheben?“
Richter: „Ja, aber trotzdem muss ich das ja irgendwie alles in den
richtigen Zusammenhang bringen. Ein Zusammenhang, der immer schwieriger
wird, je weiter ein Bild fortgeschritten ist - am Anfang ist alles noch
leicht und unbestimmt, im Verlauf stellt sich doch ein Zusammenhang ein,
der eine Stimmigkeit hat, die das Gegenteil von Beliebigkeit ist.“
Anm.: Richter benutzt zwar die Worte Zusammenhang und Stimmigkeit,
gleichwohl redet er damit über die Ordnung.
(3)
Jerry Zeniuk sagt in seinem Artikel „Sprache und Bild“, 1986:
„Visuelles Wissen unterscheidet sich von rationalem Wissen, weil es
nicht der Kategorisierung oder der Sprache zugänglich ist.“
„Doch bei einem Rückblick auf die Malerei scheint es fast völlige
Einigkeit darüber zu geben, was an Bedeutung bleibt. Das zeigt, dass es
ein Absolutes gibt, nach dem alle Malerei strebt, und nur Form und Stil
sich von Kultur zu Kultur ändern.“
und in dem Artikel „Ordnung ist nicht Perfektion“ 1986:
„Die Ordnung, die das Auge im Chaos schaffen kann, wurde zum
eigentlichen Sinn meiner Malerei.“
„Ordnung ist nicht Perfektion. Perfektion verbirgt, und Ordnung
offenbart. Das Werk muss seine Bedeutung dem Betrachter aufdrängen, das
ist die Verantwortung des Künstlers.“
„Meine Bilder haben eine formale Konzeption, die den Bildern ihre
Struktur gibt. Die Struktur jedoch ist nichts, was vorher festgelegt
wird, um darauf aufzubauen. Sie ist das Ziel, zu dem ich gelangen muss:
dadurch, wie ich male und während ich male.“

Ein Bild will nichts aussagen. Wenn das sein Vorhaben
wäre, wäre es tatsächlich dem Wort unterlegen und müsste von der Sprache
„aufgehoben“ werden. Zwischen der figurativen Ordnung des Bildes und der
diskursiven Ordnung der Sprache gibt es einen Spielraum, der durch
nichts aufzufüllen ist.

Weitere
Collagen ansehen
JUNGFERNREISE:
es ist nicht Aufgabe des Künstlers leicht und verständlich zu sein.
Zitat (komprimiert, Neues Lexikon in Farbe, 1979, Band 11, Seite 3529
u.f.): Glühen ist mehr als Wissen und Werke der Mystiker schillernde
Aussage landläufig irrational und Augen schliessen (griechisch: myein)
die Lehre vom Urgrund (chines.: tao) suchen den abendländischen Sinn
ohne Schule und Tradition geben Kraft im ewigen Nun wüstig und lautes
Nichts Jahrhunderte hinweg unaufhörlicher Strom der Bilder gleichsam die
Sprachnot läuternd den „blinden“ Zustand als ersten Höhepunkt der
malerischen Mühen.
Vorbemerkung: Nicht die Entdeckung und Nutzung der Photographie hat die
Entwicklung der „nicht gegenständlichen Malerei“ forciert oder
erzwungen. Es war vielmehr der Stand der Erkenntnistheorie nach der
Jahrhundertwende, die den fundamentalen Unterschied entwickelte zwischen
der Sprache einerseits – nur die Sprache hat eine Bedeutung – und dem
malerischen, bildnerischen Kunstwerk andererseits, das niemals etwas
bedeuten kann. Denn die Bedeutung des Wortes ist definiert durch die
Verwendung desselben, die Kunst jedoch kann nicht verwendet werden.
Gleichwohl ich kann den „Ausbruch des Vesuv“ bildnerisch darstellen,
doch wie und weshalb dieses Dokument in die Kategorie Kunstwerk
wechselt, ist verbal nicht zu klären oder zu kategorisieren und
vollständig unabhängig vom dargestellten Vorbild. Nachdem die Künstler
dieses Phänomen durchschaut hatten, wurde die Abbildung von Gegenständen
und der Welt entbehrlich, mehr noch, sie wurden wahrlich hinderlich.
Damit war die erste Revolution der Malerei begründet. Zuneh- mend
verschwindet das Ding aus dem Bild; ich verweise z.B. auf die
exemplarische künstlerische Entwicklung Mondrians. Die Folge ist, der
Betrachter darf das Bild nicht interpretieren; ohnehin ist dieser
Schritt gezeichnet durch individuelle Beliebigkeit. Die „Interpretation“
ist lediglich die reflexhafte, anerzogene oder aufgezwungene Flucht vor
der wahren Kunsterfahrung. Um es einfach zusammenzufassen: über Kunst zu
reden ist Un-Sinn.
Ein zweite Revolution auf einem ganz anderen Gebiet – die zeitlich weit
vor der ersten begann, nun aber zur Perfektion vorangetrieben wird – ist
die Möglichkeit des „Vorabbildes“ (Lit.: David Hockney, Geheimes Wissen,
Knesebeck Verlag 2001). Damit meine ich, dass der Maler im Laufe des
Produktionsprozesses, das Bild bereits sieht und visuell kontrolliert
bevor er es gemalt und fixiert hat. Ein einfaches Mittel ist die
Projektion, ein anderes die computergesteuerte Bildbearbeitung. Solche
und andere Methoden erlauben es, das künstlerische Vorhaben auszutesten,
bevor der aufwändige, meist nicht reversible Malprozess beginnt oder
jedenfalls werden diese Möglichkeiten in Teilaspekten zur leichteren
Realisierung und Optimierung des Bildwerkes herangezogen. Diese
Verfahren sind für den nicht gegenständlichen Maler wesentlich oder
sogar unabdingbar, da er der „Mithilfe“ des Gegenstandes oder des
Vorbildes im Malprozess entbehren muss. Der Realist nutzt die
Projektion, um das zu projizieren, was er ohnehin sieht. Der Maler sucht
mit der Projektion die bildnerischen Möglichkeiten und letztlich das
Ergebnis, das er noch nie gesehen hat.
Zitat (Marc Aurel, 121-180, Selbstbetrachtung, viertes Buch, No. 42):
Für Dinge, die sich in Umwandlung befinden, ist dabei nichts Schlimmes,
ebenso wie für Dinge, die infolge einer Umwandlung entstehen, nichts
Gutes dabei ist.
Durchführung: Am Anfang ist nicht nur die grosse Vorstellung, auch nicht
der skizzenhafte Entwurf, am Anfang steht die Sammlung – meine
Ansammlung: Zeichnungen, Farbblätter, Materialien, Projektionen und
versteckte Kopien, Beute- stücke, lange Lügen, verworrene Schrift und
sonstiger geistiger Widersinn. Am Anfang steht die Suche nach den
süssesten Stücken, die alle ins Bilde getan werden müssen und sich
dagegen wehren, ungeordnet geortet zu werden, nach oben nach links der
positiven Diagonale zuwider laufend. Ich wandere durch mein entworfenes
Gewerk, beschränke mich ermüdend auf meiner Jungfernreise. Verirre mich
und prüfe die Konsequenzen. Itten mit seinen Lehren hilft mir nicht.
Jede Farbenlehre besteht ohnehin aus leeren Formeln. Ich zögere jede
Entscheidung hinaus. Produziere aufs Neue, verbessere altes Material,
grösser und kleiner, heller und dunkler, verfremde, decke ab und jenes
zu. Ich beginne mit neuen Vorfreuden, gewöhne mich. Wie umgehe ich meine
angestammte Sehgewohnheit? Das ist mein immer währendes Problem. Wohin
ich auch blicke, ich sehe immer nur durch Reizschwellen limitierte
Ausschnitte; das innere Auge sieht nie das gesamte Werk, denn das wäre
unerträglich. Das grosse, schöne Bild ist zu einfach, es schmeichelt nur
und ist daher voller Falschheit. Das „schöne Bild“ ist ein immer schon
überholtes malerisches Ziel. Wie überwinde ich diese Geisterwelt? Wie
meide ich diese Augenknechtschaft? Gewohnheit ist Leicht-Sinn
Das Netz bildet sich, des Malers neuer Fetisch liegt vor ihm wie
abgeerntete Felder und der rote Randmohn blüht unberührt. Es kommen zwei
Dinge zusammen und weitere zwei, und es ergibt sich ein Neues.
Zitat (komprimiert, Wassily Kandinsky, 1910, Über das Geistige in der
Kunst, Kapitel VII): Emanzipation von der direkten Abhängigkeit der
Harmonielehre der Malerei diese versteckte Konstruktion zueinander ein
paar Schritte ist selbstverständlich als letzter Ausdruck in jeder Kunst
die Zahl regelmässige Zahlen geben in Zukunft statt ich war, ich bin zu
sagen immer versuchen eine grosse und präzise Beziehung einander zu
bilden.
Nachbearbeitung und Entscheidung: Was wiegt schwerer die Ordnung – alle
Maler reden von ihrer Ordnung – oder die „Unordnung“; ich frage mich,
Unordnung im Vergleich wogegen? Es gibt kein Kriterium für die
Unordnung, für die Ordnung sehr wohl. Somit, es gibt keine „Unordnung“
auf der Leinwand; dieser Begriff ist
definiert als reine Antithese, die aus der Willkür der Sprache
entstanden ist. Kennt der Unwissende die „Ordnung“ der Primzahlen?
Dennoch, es gibt sie. Der Kampf der Sprache, diese monströse
Denkherrschaft in uns gegen die malerische Mystik ist unermüdlich am
Werk. Der Maler muss dagegen halten, das ist kein Rosenkrieg. Malerei
ist nie artig und sprichwörtlich schon gar nicht. Gehe fürderhin barfuss
und sprachlos durch das Museum!
Gleichwohl meine Zeichen und Farbigkeiten vertragen sich nicht. Das
Maler-Ich muss innehalten – nicht „denken“, denn das wäre die Langeweile
mit der Kunst. Philosophen können nicht malen, Kinder bauen ihre Nester
– sie bauen zur Probe, was hält, was hält nicht – ich halte es mit
diesen. Ich muss die Überraschung überwinden, denn diese ist kein
haltbares Kriterium. Ich bin niemals fertig mit einem Werk, also beginne
ich ein neues Bild. Ich war schon fertig, bevor ich zu malen begann. Ich
bin niemals fertig, kein Bild ist sicher vor mir, es sollte sich besser
verbergen oder vergessen werden.
Ich kann mich schwer entscheiden: habe ich das alles nicht schon einmal
gesehen oder geschaut oder ist alles nicht nur Allerweltsgekritzel?
Wurde nicht jeder Feder- strich bereits tausendmal gezogen und jeder
Pinselklecks nicht hundertmal platziert? Alle grossen Bilder wurden
schon gemalt. Die öden Nachbilder der vielen Erinner- ungen, die ich
nicht meiden und nicht loswerden kann. Noch schlafloser ist mein
schrecklicher Verdacht, das Wichtige übersehen oder verdrängt zu haben –
es gibt keine Lösung. Malerei ist immer Therapie – die ich hinter mir
lassen muss. Es gibt immer eine Lösung! Oder habe ich mich wieder in
meinen alten visuellen Gewohnheiten verfangen, die ich doch überwinden
wollte? Ergo: mein Bild bleibt wie es ist.
Nun denn: Der Maler malt weder das Wahre noch das Falsche, er
übermittelt keine Botschaft, er reimt auch kein Gedicht. Der Maler malt
stets an dem „einen“ grossen Bild. Jedes Bild ist Teil desselben und
trägt die Un/Ordnung, den Kern des nächsten Bildes bereits in sich. Das
ergibt sich entweder aus dem Missvergnügen oder aus dem Stolz des Malers
auf sein „letztes“ Werk. Beides sind zwanghafte Motive, entweder die
missliche Situation zu bessern oder die eigene Leistung weiter zu
erhöhen. Malerei ist … ich weiss nicht, was soll das bedeuten, ohne
Titel, no copyright, keine Fettecke.
Balamon, Juni 2007



Abbildungen
Scans ansehen
Opening Reception am 8.12.2007















Bilder der
Opening Reception am 8.12.2007 ansehen
Bilder der
Opening Reception am 8.12.2007 ansehen | Fotos Nikola Dimitrov
Bilder der
Opening Reception am 8.12.2007 ansehen | Fotos Hans Peter Mürz
Webcambilder der Opening Reception am 8.12.2007 ansehen
Aufbau am 7.12.2007







Bilder vom Aufbau am
7.12.2007 ansehen
Weitere Bilder
vom Aufbau am 7.12.2007 ansehen
Bilder vom
Ausstellungsaufbauabendessen am 7.12.2007 ansehen | Fotos Nikola
Dimitrov
Bilder der
Webcam vom Aufbau am 7.12.2007
Information für die Medien
"Kunst in Zusammenhängen des Geistigen und die Idylle als
Problemzustand"
Eine Parallelausstellung mit Werken von Balamon, Jinmo
Kang, Dorothée Pirrung, Rob den Boer und Walter Henn
9. Dezember 2007 – 9. Januar 2008, galerie m beck,
Homburg-Schwarzenacker
Kunst in Zusammenhängen des Geistigen und die Idylle als Problemzustand,
das sind die zentralen Themen der aktuellen Parallelausstellung in der
galerie m beck. Dabei erschließen ausgewählte Arbeiten von Balamon,
Jinmo Kang, Dorothée Pirrung, Rob den Boer und Walter Henn auf ganz
unterschiedliche Weise die Faszination des Immateriellen hinter – und in
- der Form.
"Ich
beginne wieder ein neues Bild zu malen. Ich weiß von Anfang an, ich male
wieder das ‚gleiche Bild‘. Ob ich gleich die Formen und Farben ändere,
den Pinselstrich variiere und alles hinter mir lasse und alles neu
entdecke: Ich male immer das ‚gleiche Bild‘, immer die gleiche Ordnung".
So beschreibt der 1937 in Merseburg (Sachsen-Anhalt) geborene Künstler
Balamon durchaus hintergründig den Werkprozess, der seinen nun unter dem
Titel "gleichwohlgleich zum Siebzigsten" im Saarland gezeigten Arbeiten
auf Leinwand und Papier vorausgeht. Gleichzeitig weist er darauf hin,
dass das Erklären dieser Ordnung einer Interpretation seiner Arbeiten
gleichkommt. Konzeptionelle Grundlage seiner aus Flächen und Farben
konstruierten Werke sind die Prinzipien der konkreten Malerei, wobei
nach Balamons Ansicht "nichts wahr ist außer der Farbe". Diese wiederum
begreift er als "konstante Energie", als "die Grundsubstanz der Malerei,
die nicht anderes als sich selbst bedeutet." Indem Balamon um die
Wirksamkeit der malerischen und visuellen Ordnung weiß, transformiert –
und durchbricht – er diese auf einer anderen, geistigen Ebene, wenn er
in seinen aktuellen Werken gezielt gesetzte Versatzstücke aus
Mathematik, Philosophie und einer im Alltag verhafteten Kunstgeschichte
zu vielschichtigen Collagen verdichtet. "Die Menschen", weiß Balamon,
"suchen allenthalben nach dem Sinn: Sei es der Sinn des Lebens, der Sinn
der Träume, der Sinn der behördlicher Vorschriften. Nur in der Malerei",
stellt er verwundert fest, "ist die Sinnfrage nicht erlaubt. Das erklärt
das Geheimnis um die Malerei, das Unverständnis gegenüber der reinen
Malerei und die Sucht nach dem wunderbaren Bild".
Bei
Jinmo Kang hingegen richtet sich der Wunsch nach Ausdruck und
Bannen auf Objekte des Alltags, die er in der bildhauerischen
Bearbeitung transformiert. Dadurch werden diese alltäglichen Objekte zu
mythischen, weihevollen Mahnmalen der Wirklichkeit: diesseitige
Transzendenz.
Dabei entstehen seine von weit Momentaufnahmen ähnelnden, unter dem
Titel "corpori" in der galerie m beck gezeigten Objekte aus persönlichen
Erfahrungen, der Faszination von Materialien und der jeweiligen
intuitiven Inspiration heraus. Welche Geheimnisse sind bereits angelegt?
Was will sich in dem Werk ausdrücken? Welche Geschichten liegen noch im
Verborgenen und wollen an die Oberfläche? sind dabei Fragen, denen Jinmo
Kang beim "Werden lassen" seines aus sich sprechenden Œuvres folgt:
Hierbei sind das bewusste Experimentieren und Improvisieren, die
Integration von "Früherem" – Kang hebt diese zeitbezogene Definition
verschiedener Epochen in seiner Kunst auf ungewöhnliche Weise auf –, das
Spontane, Erhabene einerseits Voraussetzung, andererseits aber auch
Ergebnis seines schöpferischen Gestaltens.
Kang
studierte 1977 bis 1984 am Hongik Fine Art College (BFA) in Seoul und
schloss sein Studium 1987 an der Hongik Fine Art Graduate School (MFA)
ab. Im selben Jahr begann Kang ein Studium an der Akademie der Bildenden
Künste München bei Professor Leo Kornbrust, das er 1993 mit Diplom
abschloss. Er lebt heute als freischaffender Künstler in der Eifel.
Als
Form gewordene Gestik hingegen empfindet Dorothée Pirrung ihre unter dem
Titel "Annäherung II – Flüchtigkeit und Präzision" zusammengefassten
Gemälde. "Künstlerisches Arbeiten ist immer Annäherung", lautet das
Credo der 1962 in Frankenholz geborenen Künstlerin: "Annäherung an den
Tag, an die Form, an die Materialien, an die Farbe, Annäherung an den
Dialog zwischen dem Künstler und seinem werdenden Werk. In der
Auseinandersetzung dazwischen liegt für mich der eigentliche
künstlerische Werdeprozess". Ob hierbei Holz auf Eisen trifft, Ton auf
Stahl oder Eisen auf Eisen: Die Materialien, ist sich Pirrung sicher,
offenbaren ihre individuell eigenen Gesten und treffen eigene Aussagen.
Die Fragen, die es hierbei zu stellen gilt, sind jedoch: "Nehme ich sie
wahr? Möchte ich dem Betrachter die Augen öffnen? Für das Alltägliche,
das Banale, das Einfache und das Benutzte?". Als Antwort darauf lässt
die Künstlerin Bildwelten entstehen, die leise und vertieft sein können,
ins Innere gekehrt und ausgelassen expressiv. "Allein über … subjektive
Betrachtung", so Dorothée Pirrung, "entstehen neue Sichtweisen. Wird die
Kunst zu Kunst!"
"Ich
bin sehr an Figuren interessiert, die ich in der Realität immer wieder
in diverser Gestalt wahrnehme, und die darum in bestimmtem Maße zeitlos
sind", bekennt der niederländische Grafiker und Bildhauer Rob den Boer
und erwähnt in diesem Zusammenhang Kreis, Quadrat und Parabel.
"Mein Werk atmet jedoch den Ursprung der Bedeutung dieser Figuren, weil
sie unlöslich mit dem verbunden sind, was sie repräsentieren. Die
Inspiration zur Gestaltung eines abstrakten Werkes kann dabei nach
seinen Worten aus allem entstehen: "Meist gehe ich von dem aus, womit
ich mich im Moment der Gestaltung als Person beschäftige. Die Figuren,
die dabei in mir wachgerufen werden, dienen als Ausgangspunkt. Einmal an
der Arbeit, ergibt sich die nächste Linie aus der vorherigen". Einen
Eindruck von Rob den Boers figurativ inspirierter Bildsprache eröffnen
die in der galerie m beck unter dem Titel "Lines" präsentierten
Zeichnungen, die ihrem Wesen nach zu Papier gebrachten Skulpturen
gleichen. In ihnen offenbaren sich nicht nur die Faszination und die
unendliche Formenvielfalt der Linie, sondern auch Rob den Boers
Meisterschaft, sie in spontan erscheinende, tatsächlich jedoch
verblüffend differenzierte Mikrokosmen zu übertragen.
"Mit
sich'rem Auge" nimmt sich parallel dazu Walter Henn einem Sehnsuchtsbild
des Abendlands an: der Idylle. Bezeichneten die alten Griechen mit dem
Wort eidyllion ursprünglich ein kleines, eigenständiges Gedicht
oder Bildchen, verwandelten Dichter wie Theokrit, Vergil und Catull, vor
allem aber die Ideale der Romantik diese Kunstgattung in den Inbegriff
eines harmonisch verklärten Landlebens. Mit der Auflösung des Bildlichen
in eine Landschaft, wie er sie sieht, beschreitet der 1937 in
Frankfurt/Main geborene Henn – er wirkt neben seiner künstlerischen
Tätigkeit als Dozent an der Frankfurter Akademie für Kommunikation und
Design sowie an der Europäischen Kunstakademie Trier – den umgekehrten
Weg: So verwandelt der bevorzugt in Zyklen arbeitende Maler
oberflächlich erschlossene Naturbilder in Seelenwelten und spielt auf
der Suche nach den Ursprüngen des eidyllion mit
Wahrnehmungsmustern und Wunschträumen. "Die plötzliche Erscheinung eines
Vorstellbaren, jedoch nie Wirklichkeit Werdenden – die nur im Bild wie
selbstverständlich wirkende Darstellung des Unmöglichen" führt dazu,
dass Henns gemalte Momentaufnahmen eher Moritaten als Idealkopien
klassischer Landschaften gleichen. Diesen Aspekt unterstreicht auch die
räumliche Anordnung seiner 48 mit Acryl auf Papier gefertigten und
anschließend auf Leinwand aufgezogenen Arbeiten: Je nachdem nämlich,
welche Sequenz der Betrachter herausgreift, ergeben sich immer neue
"Idyllen".
Die Ausstellungssequenzen "Balamon | gleichwohlgleich zum Siebzigsten",
"Jinmo Kang | corpori", "Dorothée Pirrung | Annäherung II", "Rob den
Boer | Lines" und "Walter Henn | Mit sich'rem Auge – Eine Idylle" sind
vom 9. Dezember 2007 bis einschließlich 9. Januar 2008 in der galerie m
beck, Historischer Schwedenhof (am Römermuseum), Homburg-Schwarzenacker,
jeweils mittwochs bis freitags von 16 bis 20 Uhr, sonntags und feiertags
von 16 bis 18 Uhr sowie jederzeit nach vorheriger Vereinbarung zu sehen.
Geschlossen bleibt die Ausstellung zwischen dem 24. Dezember 2007 und 2.
Januar. Der Eintritt ist frei. Weitere Informationen gibt es unter
Telefon (0 68 48) 7 21 52 sowie im Internet unter
www.galerie-monika-beck.de.

Kunstportal Rheinland-Pfalz

Portal Kunstgeschichte | Verena Paul
Öffnungszeiten und andere Informationen zur Ausstellung
|
|