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8. Januar - 22. Februar 2006
Dina
Draeger
human resources | Malerei und Photoübermalungen


1966 geboren in Veerßen
1985 Ausbildung zur Erzieherin
1988 Abitur auf dem Abendgymnasium in Darmstadt.
Umzug nach Paris
1989/90 Leitung einer staatlich geförderten Galerie für experimentelle
Kunst
Freie Mitarbeit bei Radio France
seit 1990 Freie Mitarbeiterin bei verschiedenen Sendern und
Zeitschriften
Kabarettistin
1992 - 2000 Studium der Kunstgeschichte, Philosophie und Medienkunst an
der Staatlichen Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe
Zahlreiche Reisen und längere Aufenthalte in Frankreich, Norwegen,
Italien, England, Schweiz, USA, Kuba, Asien, Afrika, Australien
Arbeitet in Frankfurt am Main und Weinheim an der Bergstraße
Publikationen
1991 – 95 Kunstkritische Texte und Artikel für die Zeitschriften 'Der
Kunsthandel' und 'Images', Hüthig Verlag Heidelberg
seit 1992 Lesungen, Performances, Einführungsreden in Galerien
1993 "Das Schaf im Karton", in: Ausst.Kat. Oldenstadt, 'Dialog '93'
1994 "Die Schlange im Hut", in: Bildgeschichten – Ein Projekt des Faches
Kunstwissenschaft an der Hochschule für Gestaltung Karlsruhe, hrsgg. von
Hans Belting, Karlsruhe 1994, S. 22 f.
1994 - 96 Kunsttheoretische Artikel für die Zeitschrift ESTETICA,
Edizioni ESAV, Torino
1995 "Wo ist Geschichte?", in: Ausst.Kat. 'Die unmögliche Gegenwart',
Museum für Volkskultur in Württemberg, Schloß Waldenbuch 1995, S.20
1996 "Der Kunstmarkt ist keine demokratische Angelegenheit" – für Marie
Jo Lafontaine, in: Süddeutsche Zeitung vom 23.5.1996
1996 Mitarbeit an der Publikation 'Le Musée et la conception du
chef-d'oeuvre', erschienen in der Reihe 'Histoire de l'histoire de
l'art', hrsgg. vom Musée du Louvre
1997 "Roses come from where we will never go to" – Covertitel der CD 'detunized
gravity' von DE-PHAZZ bei UCMG
1999 Texte zu 'Godsdog' von DE-PHAZZ bei UMCG
2000 Katalog 'Zehn Jahre Kunstankäufe der Stadt Heidelberg'
2001 Katalog 'Mensch und Natur', Naturpark Harz, Kunstpreis
St. Andreasberg
2003 Katalog 'Zehn Jahre staatliche Hochschule für Gestaltung Karlsruhe'
2003 „Ich gehe also, um zu jagen.“, Monographie mit Texten von
Siegfried Gohr und Rudij Bergmann (Interview mit Dina Draeger),
SPQ-Verlag, Frankfurt am Main
2005 Frankfurt am Main, Dommuseum Frankfurt, „No Names“, Katalog zur
Ausstellung, S.P.Q.Verlag, Frankfurt am Main
Einzelausstellungen
1990 Mannheim, Galerie Kaleidoskop
1992 Mannheim, Gesellschaft für Kultur- und Wissenschaftsförderung
1993 Paris, Galerie Espace Bateau Lavoir
1994 Berlin, Stadtbibliothek, 'Spiegelnacht'
1994 Oldenstadt, Historisches Zentrum, Galerie des BBK, 'Tranches de
vie'
1994 Mannheim, Galerie Contemporary Art - 'Persona'. One-woman-show und
Performance
1994 Mannheim, Korbien's Galerie - Rauminstallation 'Camera Mortuaria'
1995 Mannheim, Boehringer, Neue Arbeiten
1997 Mannheim, Zentrum für europäische Wirtschaftsforschung
1998 Schwetzingen, Schloß : 'Around Rosefields'
1998 Bonn, AnBau 35 – Ort für zeitgenössische Kunst, 'Hit the rose,
Jack'
2000 Homburg/Saar, Galerie Monika Beck, 'Das Archiv der Obsessionen'
2001 Bonn, AnBau 35 – Ort für zeitgenössische Kunst, 'Im Archiv der
Obsessionen'
2003 Frankfurt am Main, Galerie Mühlfeld & Stohrer, `strange truth´
2003 Bonn, AnBau 35 – Ort für zeitgenössische Kunst, 'tigertiger'
2003/04 Göttingen, Galerie Oliver Ahlers, 'Verloren im Paradies’
2005 Frankfurt am Main, Dommuseum Frankfurt, „No Names“
2005 Uelzen, Kunstverein
2005 Bonn, AnBau 35 – Ort für zeitgenössische Kunst
2005 Göttingen, Galerie Oliver Ahlers
2005 Frankfurt am Main, Galerie Mühlfeld & Stohrer
2005 Frankfurt am Main, Presseclub Frankfurt
2005 Frankfurt am Main, Art Frankfurt, „One Woman Show“
2006 Homburg/Saar, Galerie Monika Beck
Gruppenausstellungen
1991 Paris, Galerie Espace Bateau Lavoir
1991 Frankfurt am Main , Buchmesse (mit Galerie Kaleidoskop)
1992 Oldenstadt, Historisches Zentrum, Galerie des BBK (Stipendium des
BBK Niedersachsen), 'Dialog '92'
1995 Bern, Kulturzentrum Dampfzentrale, Internationaler
Medienkunst-Workshop (Beteiligung mit einer Videoskulptur)
1995 München, Galerie Walter Storms – Ausstellung mit Studenten der
Hochschule für Gestaltung Karlsruhe
1995 Paris, Galerie Espace Bateau Lavoir, 'Objects subjectivs'
1997 Stuttgart, Württembergischer Kunstverein, 'Thom Barth - Das große
Ding, die Arbeit und der Schrank" – (Projektbeteiligung mit einer
Installation)
1998 Heidelberg, Kurpfälzisches Museum, Ausstellung der öffentlichen
Ankäufe
2001 Frankfurt am Main, Kunstmesse, Stand der Galerie Homburg/Saar,
Galerie Monika Beck, 'Das Archiv der Obsessionen'
2002 Bonn, AnBau 35 – Ort für zeitgenössische Kunst
2002 Frankfurt am Main, Galerie Mühlfeld & Stohrer
Karlsruhe, HfG, 10 Jahre staatliche Hochschule für Gestaltung Karlsruhe
2003 Heidelberg, Hella Beurich Art Consulting, Accrochage
2003 Göttingen, Galerie Oliver Ahlers, 'Mondsüchtig'
2003 Paris, White Elephant Gallery, 'Accrochage d´Été'
2003 Frankfurt am Main, Galerie Mühlfeld & Stohrer,
Weihnachtsausstellung
2003/04 Heidelberg, Galerie Hella Beurich
2004 Frankfurt, Art Frankfurt mit Galerie Mühlfeld & Stohrer
2004 Köln, Art Fair mit Galerie Mühlfeld & Stohrer
2004 Würzburg, „Bilderwechsel“, Museum am Dom
2005 Köln, Kunstköln mit Galerie Mühlfeld & Stohrer
2005 Mannheim, Galerie Karin Friebe
Ferner befinden sich Werke in privaten und öffentlichen Sammlungen, u.a.
kurpfälzisches Museum Heidelberg, Museum am Dom Würzburg (Museen der
Diözese Würzburg), Zentrum für europäische Wirtschaftsforschung (ZEW),
Mannheim
in situ vor Eröffnung am 7.1.2006



Bilder in situ ansehen
Einführung | Dina Draeger | human resources |
Hermann Heintschel | Zum 75ten
Sehr geehrte Damen und Herren,
zwei unterschiedliche Generationen und persönliche Techniken und
Handschriften zeigen wir Ihnen in den ersten beiden Ausstellungen dieses
noch jungen Jahres, und begrüßen sie hierzu recht herzlich.
Beide Ausstellungen verbindet, dass ihre Protagonisten sich eher
Nebenwege der Bildenden Kunst widmen, denn Hauptstraßen. Und der
Unterschied ihre Interesses ist auch Generation bedingt.
Dina Draeger
Dina Draeger ist 1966 in Veerßen geboren. Das 700 kg schwere und halb
zimmergroße „Archiv der Obsessionen“ haben wir 2000 hier in der Galerie
und 2001 auf der Art Frankfurt gezeigt.
Neben ausgezeichneten Zeichnungen und Skizzen, die Dina Draeger Ende der
90er Jahre zu Künstlerbüchern zusammenfasste, und die eher unmittelbare
Gesellschafts- und Wissenschaftskritik waren als künstlerische
Tagebücher, hat sie sich da schon in der Wahl ihrer Arbeitsmittel auf
den Grenzbereich zwischen Fotografie und Malerei fokussiert.
Dina Draeger fotografiert „around the world“ (wie in einem anderen
Ausstellungstitel vor 3 Jahren ausgewiesen).
Dieses Fotografieren dient dazu, ein Archiv von Motiven zu erarbeiten.
Dina erfindet in ihren Fotografien keine Welt, sondern dokumentiert und
spiegelt sie so, wie sie sie vorfindet.
Aus diesem Archiv wählt sie Personen aus, die sie durch Bearbeitung am
Computer regelrecht aus der Wirklichkeit ausschneidet – oder in andere
Zusammenhänge stellt.
Die abschließende Übermalung – von bloßen Details bis zur Gänze – führt
dazu, dass diese ursprünglichen Personen Typen geworden sind, und wo
nicht einmal mehr Typus, dann bloß Bestandteil einer neuen Bildrealität.
„Human resources“ als Ausstellungstitel bezieht sich einerseits auf den
sozusagen darüber liegenden Begriff der „No Names“ – der Namenlosen,
zeigt aber darüber hinaus einige wenige „Semana Santa“-Arbeiten.
„Das Bild des Menschen, sein Antlitz“ sei in der Westkunst des 20.
Jahrhunderts verloren gegangen, wird einmal eingangs eines Textes über
Dina Draeger gesagt.
Das ist natürlich barer Unsinn. Nicht zuletzt hat die Fotografie als
künstlerisches Medium das Portrait, das Menschenbild ganz neu entdeckt,
überaus psychologisch, und um etliches fähiger auf der Grenze zwischen
Abbild und Interpretation oszillierend.
Dina Draeger dringt in diesen Grenzbereich ein, erkundet ihre ureigenen
Arbeitstechniken, stellt Foto und Malerei gleichberechtigt
nebeneinander, indem sie sie zu reinen Arbeitsmitteln degradiert, und
sucht ihre eigene künstlerische Position.
Insofern ist sie – was die Entwicklung der Künste angeht – ein Kind
ihrer Zeit.
Dass sie eine im Charakter reiche und viel interessierte und breit
angelegte Künstlerpersönlichkeit ist, die sich mit vielen
Wissenschaften, Vorlieben und Obsessionen beschäftigte, macht es
möglich, dass sie sich nicht nur mit der (viel beschworenen) Versöhnung
von Malerei und Fotografie begnügt, sondern darüber hinaus ihre eigene
Position gegenüber uns anderen behauptet.
Sie schafft nämlich keine Denkmäler für die No Names, damit sie nicht in
Vergessenheit geraten oder uns als ecce homo taugen mögen. Denkmäler
haben keinen Charakter, keine Persönlichkeit. Sie holzschnitzt nicht.
Dina Draeger reist und sieht; sie fotografiert und wertet aus und wählt
aus und bearbeitet, gestaltet neu.
Ihre Menschen sind nicht nur ihrer „natürlichen“ Umgebung beraubt,
sondern geradezu mit neuen Persönlichkeitsmerkmalen ausgestattet. Dass
jeder Mensch ganz natürlich mit Würde ausgestattet ist, ist eine
Banalität gerade in der Kunst.
Dass aber ein Mensch, der seiner Umgebung verlustig gegangen ist, kein
Jota Charakter verliert, mag er sich auch wandeln, das ist eine
Entdeckung – nicht nur in der Psychologie, sondern auch in der Kunst.
Und hier ist die noch junge Dina Draeger uns und unserer Zeit schon ein
kleines bisschen voraus.
Hermann Heintschel
Hermann Heintschel wäre in diesem Jahr 75 geworden. 1930 in Böhmen
geboren, lebte er seit der Zwangsumsiedelung nach dem Krieg im
Schwäbischen, zuletzt in Stuttgart, wo er überraschend im November 1998
verstarb.
In der Galerie Monika Beck hat er in den 60er Jahren – also noch in
Zweibrücken – ausgestellt.
Sein Thema ist das schwierige Feld zwischen Technik und Natur. Schwierig
deshalb, weil Technik nur durch den Ingenius, den Erfindungsgeist des
Menschen möglich ist, während wir Bestandteil der Natur sind.
Ist dann Technik nachrangige Natur? Gibt es überhaupt den Hiatus
zwischen Natur und Technik?
Auf Umwegen zur Kunst gekommen hat sich Hermann Heintschel auf Anraten
seines Lehrers Emilio Vedova in den 60er Jahren auf konstruktive
künstlerische Ansätze konzentriert.
Konstruktiv in seinem Werk ist, dass er – vor jeder bildnerischen Arbeit
und damit zugrunde legend – Technik auf ihren Nukleus verkürzt hat, auf
die Mathematik, die er durch Geometrische Figuration sichtbar macht.
Die Natur durch Topografie und technisch-abstrahierter Ansicht von
Landschaft später den Konstrukten beiseite wie entgegenstellend, machte
sein Werk reich.
Ich behaupte, dass mit dem Einzug des Computers in unsere
Lebenswirklichkeit, ein platter Konstruktivismus der 50er und 60er und
70er und 80er Jahre - sozusagen geradeaus berechnet – unmöglich geworden
ist.
Viel eher stimmt das, was Heintschel selbst schrieb:
„Natur und Technik, beide so aufeinander zu beziehen, dass die allem zu
Grunde liegenden Gesetze der Harmonie sichtbar werden, ist mein
Antrieb.“
Mathematik ist nicht die Harmonie, sondern die Mechanik der Harmonie.
Nicht die mathematische Gleichung der Fugentechnik ist beim Orgelspiel
die Harmonie, sondern die Epiphanie in Tonfolgen.
...
Wir sind ja froh, dass Sie wussten, dass wir Ihnen kein Sexangebot
machen wollten, sondern eine musikalische Überraschung.
Wolfgang Bogler ist 42 Jahre alt und war schon als 18jähriger als
Musiker und mit eigenem Instrumentengeschäft selbständig, war Endorser
für Wersi-Orgeln und hat in seiner Zeit knapp 15 Platten bespielt.
Er ist ein guter Freund, hat hier schon ein paar mal privat aufgespielt,
und so haben wir ihn für heute gebeten.
Ich persönlich habe früher den Klang einer elektronischen Orgel geradezu
unerträglich gefunden, aber das hat sich in der Freundschaft zu ihm und
etliche privaten Konzerten unter 4 – 6 Ohren deutlich geändert.
Er wird aber keine Fugen spielen, sondern unfugeln – swingen.
Ich freue mich sehr auf ein paar Minuten stilles Zuhören --- und dann
können wir alle wieder gerade eben und weiterhin beswingt uns auf die
nächsten Personen einlassen. Viel Vergnügen!
Mathias Beck | Januar 2006
August Heuser
Das Bild vom Menschen
Dina Draegers Arbeiten am Menschenbild
Das Bild des Menschen, sein Angesicht, ist in der West-Kunst Mitte des
20. Jahrhunderts verloren gegangen. Es waren andere Fragen, die die
Künstlerinnen und Künstler der vergangenen hundert Jahre beschäftigten,
wie die Frage nach dem, „was die Welt im Innersten zusammenhält“, nach
den Kräften und Mächten hinter dem Sichtbaren. Nur wenige Künstler der
Moderne bewahrten das Bild des Menschen grundsätzlich. Von den
unbestritten großen Malern waren dies zum Beispiel Picasso, Beckmann und
Chagall, und in ihren Skulpturen fühlten sich u.a. Giacometti und Moore
ihm stets verpflichtet.
Das Antlitz des Menschen darzustellen, war über Jahrhunderte hinweg
Mittelpunkt künstlerischen Schaffens: ausgehend von den Jesus- und
Marienbildern hin zu Herrscherbildnissen, zum Porträt und Selbstporträt
des Künstlers, bis zu den Bildnissen der Armen und Gezeichneten der
Gesellschaft. Schließlich löste die Fotografie, in ihrer Frühzeit auch
besonders Porträtfotografie, die Malerei ab.
Diese wandte sich anderen Sujets zu. Das Bild des Menschen verlor an
Bedeutung für die bildende Kunst und verschob sich in die Medien.
Nachdem sich heute Malerei und Fotografie versöhnt haben, und beide ein
eigenständiges Leben führen, entdeckte die Malerei das Bild des
Menschen wieder und rückte es gegen Ende des 20. Jahrhunderts verstärkt
in den Vordergrund. Vor allem in den Werken von Benjamin Katz und Lucian
Freud stößt es in Amerika und Europa auf erhebliches Interesse.
In ihrer eigenen Lebenssphäre würden sie kaum auffallen, die
Kopftuchträgerin auf dem orientalischen Gemüsemarkt, die leicht
geschürzte Tänzerin beim brasilianischen Karneval, die verwirrte Greisin
im Pflegeheim. Doch die Fotografin und Malerin Dina Draeger will der
globalen Massengesellschaft ein Antlitz geben. Sie holt Menschen aus
ihrer Anonymität und setzt ihnen drei mal zwei Meter große Denkmäler auf
der Leinwand. «No Names» nennt sie zehn gigantische Porträts, die
zurzeit in Frankfurt zu sehen sind. Dabei bleibt ihr Bemühen um die
einzelnen Persönlichkeiten zweischneidig: Sie drehen dem Betrachter
meist den Rücken zu, schreiten von ihm weg, wenden sich ab, schauen
teilnahmslos ins Nichts.
«Ich verstehe mich als Bildberichterstatterin meiner Umwelt», sagt Dina
Draeger. Sie will dokumentieren, keine Urteile fällen. Am Anfang des
Arbeitsprozesses stehen Draegers Reisen, auf denen sie die Porträtierten
in ihrer heimatlichen Umgebung fotografiert. Dafür ist die 1966 geborene
Künstlerin um die ganze Erde gereist, hat Europa, Asien und Südamerika
erkundet. Zu Hause, im Atelier, schält sie die Bettler, Gaukler, Alten
und Kinder aus ihrer globalen Heimat heraus, stellt sie einzeln vor
einen einfarbigen Hintergrund, um das Individuum neu zu finden. Die
isolierten Figuren vergrößert Draeger nun auf das endgültige Bildformat
und druckt die Fotografien auf der Leinwand ab. Jetzt beginnt der
eigentliche Bildprozess. Die Künstlerin übermalt die überdimensionierten
Abzüge, erweckt so den Eindruck eines fotorealistischen Gemäldes. Dabei
entstehen reizvolle Details. Von Nahem betrachtet sind schöne
bildnerische Spannungen zu erkennen, die beweisen, dass Draeger ihr
Handwerk versteht. Ein bieder hässliches Blümchenmuster beispielsweise,
das die Bluse und den Rock der alten Frau ziert, wächst in der
Übermalung zu abstrakter Schönheit heran. Draeger gibt den Bewohnern des
globalen Dorfes, dem beliebigen, austauschbaren Menschen die Würde
zurück. Die Fremden, auch ausgegrenzten Gestalten stellt sie auf gleiche
Augenhöhe mit dem Betrachter, durch das riesige Format überhöht sie sie
sogar. August Heuser, der Direktor des Dommuseums, findet darin das
christliche Menschenbild wieder. «Die Wirklichkeit mit der Wahrheit zu
vergleichen ist mein immer währendes Experiment», erklärt Dina Draeger
ihre Kunst. Wenn sie auch kein Urteil abgeben will, bezieht sie dennoch
Position, stellt sich auf die Seite der Vergessenen, auf die Seite der
Menschenwürde. Deshalb haben ihre Bilder in der sakral anmutenden
Umgebung des Dommuseums genauso den richtigen Platz wie im urbanen
Ambiente der Galerie.

Auf gleicher Augenhöhe mit dem Fremden
Dina Draeger pflegt eine Kunst des Ereignisses, des Momentanen und
enigmatisch Erhabenen. Sie fotografiert vor allem fremdartige Menschen
in ihrer Anonymität, übermalt die Fotos, scannt sie ein, analysiert und
isoliert mit Photoshop ihre Gestalten aus der sie umgebenden Umwelt,
druckt die Ergebnisse mit Pigmenttinte auf grundierte Leinwand aus,
übermalt sie in Ölfarbe und firnisst die großformatigen Arbeiten (bis zu
2x3m und 1x4m).
Ein aufwendiger Prozeß sukzessiver visueller Ablagerung und Schichtung.
Sie besitzt einen konkreten, analytischen und assoziativen Geist und
aktiviert sowohl phänomenologische Wesensschau als auch Reduktion. Dabei
trifft sie, je nach Ausstellungsort, eine gezielte, situationsbedingte
Auswahl aus ihrem Fotoarchiv der auf Reisen im In- und Ausland mit der
Kamera intuitiv erbeuteten und gesammelten Eindrücke und unfaßbaren
Phänomene. Der Betrachter wird davon sinnlich berührt. Weil durch den
äußeren Anstoß das endogene Bild aktiviert wird, wird das exogene Bild
geformt.
„Der Künstler muß viel gesehen, viel gehört und aufbewahrt haben“.
(Hegel)
Die ebenbürtige Darstellung des Anderen, der Ausgegrenzten und Anonymen,
gehört nicht zum gängigen Bild der europäischen Kunst im allgemeinen. Im
Unterschied dazu stellt Dina Draeger das Fremde mindestens auf gleicher
Augenhöhe dar, meistens aber ästhetisch überhöht und erhaben. So
entstehen aus NO NAMES keine namenlosen, sondern eigenständige und
originelle Kunstprodukte. Sie wirken gegen das Ausgegrenztsein des
Fremden und geben ihm seine verlorene individuelle Würde zurück. Die
Gestalten werden von einer prachtvoll irrealen Farbsphäre umhüllt. Die
bisher nicht wahrnehmbare Aura dieser Menschen wird sichtbar, wird zum
Phänomen. Statt über ihre unmittelbare, eigentliche Lebenssphäre werden
sie nun über ihr Charisma, ihre Ausstrahlung definiert. Die Umgebung
wird ausgeblendet, das Karma, die menschlichen Schicksale werden
offenbar.
So entstehen virtuelle Ikonen, Helden- und Heiligenbilder gegen
Bedeutungslosigkeit
und Ohnmacht des isolierten Individuums, für seine positive Freiheit.
Der Mut zu eigenem Denken und eigenen Entscheidungen, der Mut, weder die
Autorität der Kirche noch die des Staates, sondern nur die des Gewissens
anzuerkennen, diese Vision wurde ersetzt durch die Kriterien des
gesunden Menschenverstandes und der öffentlichen Meinung.
Draegers sublime Menschenbilder setzen sich fest auf unserer Retina, in
unserem inneren Auge, wir reagieren darauf, sie erinnern an religiöse
und mythologische Sublimierung der Kunst. Sie werden zu Objekten der
Kontemplation, der ebenbürtigen Konfrontation mit dem Anderen und dem
Fremden, ohne jedoch Werkzeuge religiöser Handlung zu sein.
Das Verlangen, das sich in der ästhetischen Erfahrung erfüllt, hat
nichts mit dem Verlangen nach Macht gemein, es ist ein Verlangen nach
Gerechtigkeit, nach Liebe und Gemeinschaft. (M. Dufrenne – „désir de
justice, désir d’amour, désir de communion“)
Dina Draeger sagt: „Die Auswahl der Motive ist rein ästhetischer Natur
... meine Methode ist also, Entscheidungen zu treffen, statt Urteile zu
fällen. Natürlich ist dieser Vorgang genauso willkürlich wie ein Urteil,
dennoch verstehe ich mich als Bildberichterstatterin meiner Umwelt.“
Schon auf dem Niveau der Wahrnehmung findet bei ihr eine auf die
Wechselbeziehung zwischen Mensch und Umwelt gestimmte intuitive Auswahl
der Wirklichkeitsspiegelungen im Bewußtsein statt.
Mit Kant nennen wir ‚Erhaben’ was schlechthin groß oder göttlich ist.
Das ‚Erhabene’ ist der Titel für das ‚Andere der Vernunft’ und Dina
Draeger arbeitet mit der Ästhetik des Erhabenen. Denn was erhaben
dargestellt wird, erweckt mehr Achtung als Liebe. In der
nachmetaphysischen Zeit ist ‚erhaben’ das vollendet Profane.
Zwar beruht Draegers Malerei auf Fotografie, sie liefert aber dennoch
kein Abbild. Denn sie läßt das Ereignis zur Darstellung kommen und
fungiert selbst als Erkenntnisakt.
Das Ereignis ist in seiner zeitlichen Ausdehnung beschränkt. Es ist ein
kurzer, gewissermaßen ausdehnungsloser Moment, in dem sich ein einzelner
Sachverhalt realisiert, bzw. sich eine bestimmte Tatsache konstituiert.
Ingarden spricht von der ‚Seinsselbständigkeit’ eines Ereignisses.
„Das Globale, das heißt die Realzeit, die Macht der Unmittelbarkeit, der
Allgegenwärtigkeit, des Momentanen, das ist der Kern.“ (P.Virilio).
Laut Kant übersteigt das Erhabene das Sichtbare und rührt an das
Intelligible der Vernunft. Solcherart weist also die Darstellung über
sich selbst hinaus auf ein anderes.
Und im ästhetischen Erlebnis leuchtet der gemeinsame Urgrund von Mensch
und Welt.
Dina Draeger verweilt nicht bei der condition humaine, sondern
konzentriert sich auf hominis dignitate, auf die Menschenwürde. Das ist
ihre Auffassung vom Ecce Homo.
Brigitta Amalia Gonser

Dina Draeger, 1966 in Veerßen geboren, studierte neben Malerei
Kunstgeschichte, Philosophie und Medienkunst an der Staatlichen
Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe u.a. bei Hans Belting. Ihr
umfassendes Studium trägt in ihrem Schaffen dazu bei, Malerei und
Fotografie in besonderer Weise zu verbinden, zu versöhnen, und als
Schwerpunkte der Wirklichkeits-erfassung in eine spannende Beziehung zu
setzen.
Als passionierte Reisende durch die Welt hält Dina Draeger die von ihr
erlebte Wirklichkeit mit dem Fotoapparat fest. So entstehen
eindringliche fotografische Doku-mente von Alltagssituationen und
Menschen. Diese Dokumente ihrer Beobachtungen, meist in fremden Welten,
Szenen und Kulturen, bearbeitet die Künstlerin mit malerischen Mitteln.
Auf den ersten Blick ergeben sich so manchmal kaum sichtbare
Verbindungen des einen Mediums mit dem anderen. Geradezu fotorealistisch
bemalt sie die Abzüge und verleiht dem dokumentarischen Medium als der
‚Wirklichkeit’ einen besonderen Akzent hin zur ‚Möglichkeit’, mittels
der Kraft der Malerei. So ergibt sich durch Erweiterung und Poetisierung
ihre im wahrsten Sinne des Wortes „eigene Handschrift“.
„In vielen meiner Bilder verschmelzen beide Medien derart,
daß sie nicht mehr zu unterscheiden sind. Es geht mir also um eine
Verschränkung - sowohl der verschiedenen Tech-niken, als auch der
Bildmotive. Genauso wie auf der intellektuellen Ebene um die
Verschränkung von Wahrheit und Wirklichkeit, hinter der ein ständiger
Zweifel an der Welt, wie wir sie sehen, steht“, schreibt Dina Draeger .
Inhaltlich geht es ihr oft um das Fremde. Das, was ihr an Leben, Moral
und Vorstellungen fern steht. Ganz konkret geht es ihr dabei um
Menschen, Fremde, die ihr auf ihren Reisen begegnet sind, die sie
angeschaut hat mit suchendem, verstehendem oder irritiertem Blick, und
von denen sie angeschaut worden ist, erfreut, entgeistert, achtlos.
Fremde, von denen sie nie die Namen erfahren hat, NO NAMES, und die sie
doch festgehalten hat mit ihrem Fotoapparat.
Es sind die NO NAMES, die namenlosen Menschen unserer Zeit, denen Dina
Draeger mit ihren künstlerischen Arbeiten Erinnerung verschafft und im
Reich der Kunst ein Denkmal setzt. Wie ehdem gegen den herrschenden
Konsens Motive des Alltagslebens ins Bild gesetzt und bildwürdig wurden,
wie Landschaften oder profane Objekte der Konsumkultur, so stehen bei
ihr Menschen im Mittelpunkt, deren Kunstwürdigkeit meist bestritten
wird: Arme, Hungernde, Aus-gegrenzte und Grenzgänger, kuriose Gesellen,
Krüppel, Ausgeflippte, Müßiggängerinnen, Spaßvögel, Kinder, Alte. Sie
alle bilden das Personal ihrer Kunst. Nur ihnen setzt sie mit ihren
Arbeiten zeitlos eine Erinnerung auf gelben, blauen, roten, grünen,
violetten Farbfeldern. Sie allein sind wichtig.
Damit ist Dina Draeger eine Porträtistin unserer Zeit. Denn wo und wie
spiegelt sich unsere Zeit stärker wider als in den Bildern der Menschen,
die in dieser Zeit leben? Hochmoderne Bauten oder Kriegs-ruinen, Panzer
oder Friedens-tauben, das Empire State Building in New York oder die
Peterskirche in Rom, alle blieben nichtssagend, gäbe es nicht Bilder von
Menschen, die ihnen Bedeutung verliehen. So ist dem Frankfurter
Galeristen Kurt Mühlfeld nur zuzustimmen, wenn er sagt: „Zeitlos und
dennoch hochaktuell gehört Dina Draeger zu den wenigen Protokollanten
des Heutigen.“
Es ist das besondere Verdienst der Künstlerin, daß sie sich nicht auf
die Zeitlosigkeit der Abstraktion und eine formale Sinnhaftigkeit der
Weltbetrachtung einläßt, sondern alles, was sie zu sagen hat, aus dem
Menschenbild selbst ent-wickelt und in ihren großformatigen Arbeiten
zeigt. Sie wählt das Format nicht, um ihren Bildern sichtbare Größe zu
verleihen, sichtbare Größe verleiht sie denen, die sie auf den Bildern
zeigt. Nur so gewinnen die Gestalten ihre Würde und werden nicht schon
durch das Format, in dem sie betrachtet werden, klein gemacht.
Die Künstlerin, von hoher Intellektualität und Sensibilität, weiß um den
Zusammenhang von ‚Format’ und Format als Form und Inhalt. Sie spielt
meisterhaft auf der Klaviatur der Zeichen der Wirklich-keit, mit ihrer
Differenzierung und ihrer Einheit in der visuellen Sprache. Sie ist eine
virtuose Grenzgängerin zwischen Denken und Welterfahrung − ihre Reisen
sind immer mehr als Sightseeing Touren in eine äußere Wirklichkeit. Es
sind Reisen in das Gebiet der inneren Erfahrungsräume. Und so zeigt sie
den Menschen in seiner Schönheit und Großartigkeit, ästhetisch,
verschiedenartig, doch anschaubar, d.h. in seinem Aus-druck für die
Betrachterin und den Betrachter verstehbar und fühlbar. Kategorien, die
bei der Betrachtung des Menschen zusammen-zubringen sind.
Es geht dabei um das Ganze und nicht um die Teile, um den ganzen
Menschen und nicht um die Zertrümmerung, wie in Gottfried Benns
berühmtem Gedicht Verlorenes Ich von 1943:
Verlorenes Ich, zersprengt von
Stratosphären,
Opfer des Ion - : Gamma-Strahlen-Lamm -
Teilchen und Feld - :
Unendlichkeitsschimären
auf deinem grauen Stein von Nôtre-Dame.
So malt sie ihn nicht, den Menschen, zerdacht, auseinander-genommen und
in seine Teile zerlegt. Solche Eingriffe ins Menschenbild meidet sie.
Sie sei, so ihr Galerist Kurt Mühlfeld, „eine Künstlerin im hohen Geist
der Renaissance“, und das nicht nur in ihrer Geisteshaltung und
Emotionalität, sondern auch in ihrer Kunst und Kreativität. Insofern
steht Dina Draeger in einer Tradition der geistig klassischen Anschauung
des Menschen, wenn sie in ihrer Kunst auch unverkennbar alle Register
der Malerei und Fotografie des zwanzigsten Jahrhunderts zieht. Verbunden
bleibt sie aber immer dem berühmten Satz von Alexander Pope: „The proper
study of mankind is man“.
Allerdings: „... die Auswahl der Motive ist rein ästhetischer Natur, ihr
geht kein Urteil voraus ... meine Methode ist also, Entscheidungen zu
treffen, statt Urteile zu fällen“, schreibt Dina Draeger. Die
Künst-lerin strebt ein hohes Maß an Objektivität an, freilich sagt sie
auch einschränkend „soweit es mir möglich ist“. Und ganz deutlich merkt
man ihren Bildern ihre Teilnahme, ihre Empathie und ihre Sympathie für
den Menschen und die Menschen an, denen sie begegnet.
Es ist durchaus berechtigt zu fragen, woher ihre Motivation stammt,
diesen unbeirrbaren Blick auf die Menschen, meist auf die Typen am
Rande, zu richten. Man kann bei Dina Draeger ein hohes Maß an
künstlerischer Redlichkeit, an humanitärer Kraft, an Geistigkeit und
Geistlichkeit, d.h. Spiritualität ausmachen, ohne daß sie sich jedoch
damit religiös bekennt und festlegt. Man mag ein Stück Interesse am
christlichen Men-schenbild in ihren Bildern entdecken, ein offenes
Bekenntnis dazu findet sich nirgends, auch wenn eine ihrer großen
Arbeiten im Diözesanmuseum Würzburg aus-gestellt ist. So ist sie denn,
wenigstens äußerlich, frei von einer interessegeleitenen Kunst. Es geht
ihr um Kunst als Kunst, und nicht um die Vermittlung einer irgendwie
gearteten Idee oder gar Propaganda. In ihrem humanen Denken steht der
Mensch im Mittelpunkt. Sie will nicht mehr und nicht weniger sein, wie
sie sagt, als die „Bildberichterstatterin meiner Umwelt. Die
Wirklichkeit mit der Wahrheit zu vergleichen ist mein immerwährendes
Experiment.“
Will man die Kunst Dina Draegers würdigen, so muß man einerseits ihren
freien Geist der Bildfindung bemerken, andererseits mehr noch ihr
Einfühlungsvermögen in ihr Thema, den Menschen, und schließlich die
Qualität der künstlerischen Umsetzung ihres Wollens. Es ist der Mensch,
dem ihre Arbeit auf hohem Niveau gilt. Nichts lenkt diesen Anspruch ab,
weder seine Umgebung, noch seine soziale Disposition und deren
Gegebenheiten. Und es ist das Kunst-Wollen und die künstlerische
Gestaltungskraft, der sie sich verschrieben hat, und aus der sie ihre
Bilder gestaltet. Selbst wenn sie ihr Thema wechselt und wie in THE
TIGER KILLS HUNGRY, die Show von Las Vegas findet und darstellt, so
bleibt sie doch immer auf höchstem Niveau künstlerischer Gestaltung.
NO NAMES ist ein Bilderzyklus, der den NAMENLOSEN MENSCHEN der Welt in
ihrem Sehnen und Streben, ihrem Wollen und Scheitern, ihrer Freiheit und
Gebundenheit, ihrer Freude und Trauer künstlerischen Ausdruck verleiht.
Dabei ganz nah am Thema, einfühlsam und doch kühl beobachtend,
urteilsfrei und doch engagiert, nahe und doch intellektuell, in allem
voller Passion. Hier verbinden sich Geist und Schaffen der Künstlerin
mit ihrem Gegenstand, den Menschen, die ihr begegnet sind. Die
Betrachter spüren und sehen die differenzierten Erfahrungen von Dina
Draeger auf ihren Reisen zu den Menschen als ein Zurückgeworfensein auf
sich selbst.
August Heuser

Around the world
...lautet der Titel dieser Ausstellung. Basis der Arbeiten von Dina
Draeger sind Fotos, die sie an verschiedenen Weltorten mit verschieden
Weltmenschen gemacht oder eingesammelt, bearbeitet und in erstaunliche
Zusammenhänge gestellt hat.
„Nur im Momentanen zeigen sich die Dinge in ihrem gesamten
Ausmaß“...diese Antwort gab mir Dina Draeger kürzlich, als ich sie
danach fragte, ob sie mit ihren Bildern Geschichten erzählen wolle.
Nein, sie negiere Geschichten, zeige nur den Moment, zeige nur, wie es
ist.
Es stimmt in soweit, als ein ungestelltes, nicht inszeniertes Foto – nur
mit solchen arbeitet Dina Draeger - naturgemäß nur eine Momentaufnahme
darstellen kann. Allerdings: fast immer fügt sie der einen
Momentaufnahme eine oder mehrere andere hinzu oder verfremdet die eine.
Man könnte sogar sagen, dass es sich bis hierher immer noch nur um
Momente handelt.
Jetzt beginnt das, womit die Künstlerin kühl rechnet:
Nämlich die Arbeit im Kopf des Betrachters. Er selbst setzt die
Momentaufnahmen in einen Zusammenhang, den sie nicht zeigt, den sie dem
Einzelnen überlässt.
Das heißt, der Betrachter stellt sich die Geschichte zusammen. Seine
eigene Geschichte oder unter Umständen auch die, die die Künstlerin
selbst im Hinterkopf hatte, als sie das Bild kreierte. Es kann also auch
ihre Geschichte sein, muss es aber nicht.
Wir als Betrachtende werden lediglich verführt, an eine fertige
Geschichte des Bildes zu glauben, obwohl wir nichts weiter als ein paar
Anhaltspunkte erhalten. Nie kann bei ihr eine Geschichte aus einem Bild
entstehen, wenn der Betrachter nicht zur Mitarbeit bereit ist.
Soweit mir bekannt ist, arbeiten Zauberer und Illusionisten mit dieser
Methode.
Ein paar willkürlich heraus gegriffene Beispiele, die hier zu sehen
sind:
Havanna: Da prangt die Kuppel des dem Kapitol in Washington nachgebauten
Parlaments vor blutrotem Himmel und das Bild trägt den Titel „Cuba libre“,
ein Drink aus amerikanischer Coca-Cola und kubanischem Rum. Die
Geschichte, die sich mir aufdrängt, ist das kubanisch-amerikanische
Verhältnis mit all seinen Facetten.
Oder wechseln wir nach Vietnam: Auf dem oberen Teil eines als Tor
gebauten Monuments steht unter einem roten Stern zu lesen: To quoc chi
cong. Übersetzt heißt das: „Das Land erinnert an die Tapferen!“ (Diese
Übersetzung bekam ich von der Mitarbeiterin oder Inhaberin eines
vietnamesischen Restaurants im Hainer Weg!) In den Torbogen hat Dina
Draeger zwei kleine Mädchen in einer paradiesischen Landschaft gesetzt.
Wem drängt sich an dieser Stelle nicht das Foto der kleinen
Napalm-verbrannten Kim Phuc Phan Thi von AP- Fotograf Nick Ut aus dem
Jahr 1972 und die Geschichte des Vietnam-Krieges auf?
Ich wünsche Ihnen nun viel Spaß beim Zusammensetzen von Momentaufnahmen
zu Geschichten. Und lassen Sie sich von der Schönheit der Arbeiten nicht
verleiten, zu glauben, es gehe nur um Ästhetik. Die Künstlerin will
immer provozieren, auch wenn´s ganz harmlos aussieht!

Dina Draeger schafft dort Kunstwerke, wo früher der
Ebbelwei floss Sachsenhausen. Künstlerisches Chaos? Für die Malerin Dina
Draeger ist die Vorstellung ein Graus. "Wenn man eine Sache macht, muss
man sie perfekt machen", sagt sie. Durch das weitläufige,
lichtdurchflutete und sehr aufgeräumte Atelier der Künstlerin weht leise
Musik. Früher war dies ein Lokal – 1906 eröffnete hier die Sachsenhäuser
Apfelweinwirtschaft "Zum Weißen Bock". An die Kneipe erinnern nur noch
die alten Dielenfußböden, bunte Kacheln und ein grotesker Gipskopf hoch
oben an der Wand. Dina Draeger hat dort, wo früher der Ebbelwei floss,
ihr Künstler-Atelier eingerichtet. Dina Draeger sitzt auf einem Stuhl,
eine Leinwand hat sie an die Atelierwand geklebt. Darauf ist bereits ein
Bild zu erkennen. Mit sicherem Pinsel überträgt sie einen gekreuzigten
Christus, Werk eines französischen Malers des 17. Jahrhunderts. Eine
breite rote Farbspur ist vom Bild über die Wand herabgetropft – fast als
hätte der Christus geblutet. "Wenn ich ein Bild gemalt habe, ist die
Wand dahinter immer ganz bunt. Aber ich streiche das dann jedes Mal
gleich neu. Wenn nicht alles perfekt ist, kann ich nicht anfangen zu
arbeiten", meint sie. Und muss gleich darauf wieder über ihren
Ordnungssinn lachen. Was haben Kunst und Aktien gemeinsam? Ihr Wert
schwankt, steigt und sinkt, richtet sich nach der Nachfrage. Während an
der Börse zurzeit manch einer ein langes Gesicht zieht, freut sich Dina
Draeger. Ihr "Marktfaktor", also der Index, mit dem moderne Kunst von
Händlern und Sammlern bewertet wird, ist seit Jahresbeginn kräftig
gestiegen. Und ein Blick auf ihre qualitätsvollen Arbeiten lässt
vermuten, dass mit diesem Aufwärtstrend noch lange nicht Schluss ist. In
ihrem Atelier unweit des Eisernen Stegs – ganz in der Nähe der Museen
und Kunstgalerien – hat sie häufig Besuch von Sammlern und
Museumsdirektoren. "Da habe ich die zentrale Lage erst so richtig
schätzen gelernt", meint sie. Mit diesem Atelier verbindet sie aber auch
noch eine ganz besondere Geschichte. Überraschend konnte die Malerin den
Raum Anfang September 2001 anmieten. Deshalb sagte einen schon gebuchten
Flug in die USA ab, um zu renovieren. Wäre sie geflogen, hätte Dina
Draeger am 11. September 2001 in der Pittsburgh-Maschine gesessen, die
von Terroristen entführt wurde, um das Kapitol in Washington zu
zerstören. Das Flugzeug stürzte ab, alle Passagiere kamen ums Leben.
Vielleicht sei es noch nicht ihre Zeit gewesen zu sterben, meint sie
angesichts dieses Ereignisses nachdenklich. Die Künstlerin, die an der
Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe studierte, hat mit ihren 36
Jahren bereits eine Biografie, die erstaunt. Zurzeit promoviert sie,
nebenbei und "einfach nur zum Spaß", über die berühmte französische
Bildhauerin Louise Bourgeois, mit der sie auch befreundet ist. Denn, so
findet sie, richtig abgeschlossen sei ein Studium eben nur erst mit der
Promotion. Viel hat sie schon gemacht in ihrem Leben: Geboren in einem
kleinen Nest in der Lüneburger Heide, wuchs sie zweisprachig deutsch und
französisch auf, lernte Erzieherin, ging nach Paris, arbeitete als
Journalistin bei Radio France, später bei deutschen Sendern. Sie hat den
schwarzen Gürtel in Karate und jahrelang Kabarett gespielt. Meistens
sitzt die Frühaufsteherin spätestens morgens um sieben Uhr im
Handwerker-Blaumann an der Arbeit, malt und zeichnet, sieben Tage die
Woche. Dann entstehen zum Beispiel Bilder wie das eindrucksvolle,
erschütternde Porträt einer australischen Ureinwohnerin, das – gerade
vollendet – zum Abtransport verpackt an der Atelierwand lehnt.
Entstanden ist es nach einem Foto, das Dina Draeger bei einer ihrer
Reisen in einem abgelegenen Reservat gemacht hat. Vom Alkohol
gezeichnet, grinst die Greisin mit trüben Augen in die Kamera, ihr
T-Shirt mit der australischen Flagge wirkt wie Hohn. "Dabei ist diese
Frau so alt wie ich", erzählt die 36-Jährige. Ein anderes Werk in ihrem
Atelier ist ähnlich eindrucksvoll: Ein riesiges weinrotes Möbel, eine
Mischung aus Kommode und Altar, beherrscht den Raum. "Das Archiv" heißt
es, und Dina Draeger verändert das Werk ständig. "Wenn ein Museum das
kauft, bekommt es sozusagen noch einen Wartungsvertrag dazu", scherzt
sie. Es war schon auf etlichen Ausstellungen zu sehen und fordert die
Entdeckerlust des Betrachters heraus. "Wahrheit", "Tod" und
"Gefangenschaft", "Karriere", "Sehnsucht" oder "Gier" versprechen die
Aufschriften der zahlreichen Schubladen. Zieht man sie auf, liegen
Bilder und bearbeitete Fotografien darin, kluge und poetische Gedanken
zum Thema, oft auch weit, weit davon entfernt. "Um alles zu verstehen,
müsste man ja mein Leben leben", meint die Malerin. Der Betrachter könne
hier seinen eigenen Gedanken nachgehen. "Der Künstler macht nur
Vorschläge." (and)
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Eröffnung am 7.1.2006



















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Pressetext zur Ausstellung
Dina Draeger - human resources | Malerei und
Fotoübermalungen
8. Januar bis 22. Februar 2006, galerie m beck, Homburg-Schwarzenacker
Unter dem Titel „human resources“ präsentiert die galerie m beck 20
großformatige Fotoübermalungen von Dina Draeger. In ihnen gelingt es der
1966 in Veerßen geborenen Künstlerin, die beiden großen Tendenzen der
Moderne – Fotografie und Malerei – zu eindrucksvoll plastischen
Menschen-Bildern zwischen Realität und Fiktion zu verschmelzen. „Die
Wirklichkeit mit der Wahrheit zu vergleichen ist mein immer währendes
Experiment“, beschreibt Dina Draeger selbst den Ansatz ihrer aktuellen
Werkserie, mit der sie in einer Zeit, in der Menschen längst nur noch
als austauschbares „Humankapital“ – eben „human resources” – gehandelt
werden, genau jenen Menschen ihre Würde als Individuum zurückgibt.
Ebenso spannend wie das Konzept ihrer ungewöhnlichen, an Ikonen
erinnernden Portraits ist dabei auch der Entstehungsprozess dieser nun
erstmals im Saarland gezeigten Arbeiten, an deren Anfang Reisen um die
ganze Welt stehen. So fotografiert Dina Draeger rund um den Globus
Bettler und Gaukler, Tänzerinnen, Marktfrauen, Alte und Kinder zunächst
in ihrem alltäglichen Umfeld, um sie später im Atelier aus ihrem
ursprünglichen Kontext zu lösen, einzeln vor einfarbigen Hintergründen
zu arrangieren – und sie damit gleichsam als Individuen neu zu
definieren. „Die Auswahl der Motive“, so die Künstlerin, „ist rein
ästhetischer Natur. Meine Methode ist also, Entscheidungen zu treffen,
statt Urteile zu fällen. Natürlich“, fügt sie hinzu, „ist dieser Vorgang
genauso willkürlich wie ein Urteil, dennoch verstehe ich mich als
Bildberichterstatterin meiner Umwelt“.
Indem sie ihre Charaktere auf diese Weise aus der Anonymität holt, sie –
im Stil absolutistischer Idealportraits – auf drei mal zwei Meter große
Leinwände überträgt und ihre überdimensionierten Abzüge anschließend
übermalt, gelingt es ihr zugleich, der allgegenwärtigen „globalen
Massengesellschaft“ ein Antlitz zu geben. Dabei erschließen sich hinter
ihren – scheinbar – plakativen, einerseits unmittelbaren, andererseits
rätselhaft erhöhten Menschen-Bildern bei näherer Betrachtung zwar
allerlei Details und spannungsreiche Charakterkompositionen, bleibt Dina
Draegers Bemühen um die einzelnen Persönlichkeiten jedoch bewusst
zweischneidig: So drehen die von ihr portraitierten Personen dem
Betrachter meist den Rücken zu, schreiten von ihm weg, wenden sich ab
oder schauen teilnahmslos ins Nichts. Gerade dadurch jedoch laden sie
ihn gleichzeitig ein, sie näher anzusehen, ihnen mit aufmerksamen
Blicken zu folgen – und sich in ihnen letztlich selbst zu begegnen. In
einer Welt, in der immer abstraktere Medien ein – bei aller
augenscheinlichen Präsenz – immer abstrakteres Menschenbild entstehen
lassen, erscheinen Draegers „human resources“ daher als Abbilder und
Mahnmale einer vordringlich immer globaleren Massengesellschaft, in
der sich die einzelnen Kulturen trotz aller vermeintlichen Nähe fremder
denn je sind und das einzelne Individuum einsamer als je zuvor ist.
Die Ausstellung „human resources“ mit Malerei und Fotoübermalungen von
Dina Draeger ist vom 8. Januar bis einschließlich 22. Februar 2006 in
der galerie m beck, Historischer Schwedenhof (am Römermuseum),
Homburg-Schwarzenacker, zu folgenden Öffnungszeiten zu sehen: mittwochs
bis freitags von 16 bis 20 Uhr, sonntags und feiertags von 16 bis 18 Uhr
sowie jederzeit nach vorheriger Vereinbarung. Der Eintritt ist frei.
Weitere Informationen zu dieser und weiteren Ausstellungen gibt es unter
Telefon (0 68 48) 7 21 52 sowie im Internet unter
www.galerie-monika-beck.de.

Künstlergespräch | Saarbrücker Zeitung | Tobias Krämer | 16.2.2005

Portal Kunstgeschichte | Verena Paul | Februar März 2006

content\2006-02-saar-szene.htm

Kunstportal
Pfalz
Weblog | Journalistenabenteuer | 10.1.2006
Technische Informationen
zur Ausstellung
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