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9. März - 21. April 2005

 

 Ismail Çoban 

Menschenbilder | Malerei Zeichnung Grafik

 

 

 

1945 in Çorum/Türkei geboren
1950 - 1955 Volksschulbesuch In Çorum
1956 - 1959 Schneiderlehre in Istanbul
1959 - 1960 Realschulbesuch in Istanbul
1960 - 1965 Besuch der Atatürk Ilk Ögretmen Okulu bei Ankara
(Internat und Ausbildungsstätte für Volksschullehrer)
1965 Examen als Volksschullehrer und externes Abitur
1965 vier Monate Volksschullehrer in Kurtalan/Ridvan -Ostanatolien
1965 - 1968 Besuch der Hochschule für angewandte Werkkunst in Istanbul
1968 mehrere Monate Fotograf und Berichterstatter in Ostanatolien
1969 Praktikum als Siebdrucker bei der Firma
Rosenthal, Selb/Ofr.
1969 - 1971 am Herbst 1969 Besuch der Werkkunstschule Wuppertal mit Abschlußexamen im Januar 1 971
ab 1971 freischaffender Maler und Grafiker in
Wuppertal

 

Ölmalerei

                   

 

Einzelausstellungen (Auszug):

1963 - 1996 Ankara und Istanbul
1973 Hofgeismar: Kunstkreis
1974 Moers: Galerie Backer
Glückstadt: Brockdorff-Palais Remscheid: Galerie Boker
1975 Hagen: Galerie Nova
Hanau: Galerie Hild
Nijmegen/Holland: besienderhuys
1976 Kassel: Galerie Lometsch
Nijmegen/Holland: Atelier de Westerhellig
Unna: Kunstverein Unna
Dusseldorf: Galerie Schröder
Lübeck: Galerie Heino Heiden
Dortmund: Galerie Ostentor
1977 Stuttgart: Galerie Gertrud Dorn
Hamm: Galerie Kley
Homburg-Schwarzenacker: Galerie
Monika Beck
Reutlingen: Galerie Domberger Wiesbaden: Atelier Christa Moering
1978 Bergkamen: Galerie "Sohle 1"
Fürth: Galerie am Grünen Markt Wurzburg: Galerie am Grasholz Frankfurt: Galerie Heuser-Langner Recklinghausen: Galerie Brugemanshof Liidenscheid: Galerie Altgasse 4
1979 Bonn: Aus- und Fortbildungsstätte des
Auswärtigen Amtes
Dortmund: Galerie Ostentor
Homburg Schwarzenacker: Galerie
Monika Beck
1980 Solingen: Deutsches Klingenmuseum
Moers: Städtische Galerie "Peschkenhaus" Erlangen: Galerie Elke Hoffmann Marl: Kommunale Galerie der Stadt Marl Wuppertal: von der Heydt-Museum
1981 Basel: Art 81 /Galerie W: One man show
Remscheid: Graphothek der Stadt Remscheid
Witten: Galerie Goltenhof
1982 Ulm: Stadttheater
Grevenbroich: Haus Hartmann Bietigheim: Galerie im Unteren Tor Zurich: Galerie Gottfried Murbach Unterturkheim: Daimler-Benz-Galerie
1983 Dreieichenhain: Galerie Libertas
Hamm: Galerie Kley
Wuppertal: Polyprint-Galerie
Hamburg: Kampnagelfabrik
1984 Sindelfingen: Galerie Tendenz
Erlangen: Galerie Elke Hoffmann Süderschmedeby: Galerie Hansen
1985 Wuppertal: Polyrint-Galerie
Recklinghausen: Städtische Kunsthalle Kiel: Galerie im Hof Akkerboom Diisseldorf: Bastion-Galerie Siegen: Villa Waldrich
1986 Unna/Westf.: Galerie Eissing
Heidenheim: Galerie im Atelier
Friolzheim: Galerie Clementine Dijkstra
Landau: Galerie Weissgerber
Ulm: Zeughaus
1987 Wuppertal: CBB-Galerie
Minden: Galerie Regab
Gelsenkirchen: KUBA Kunstbegegnungs- stätte beim Amtsgericht
1987 Stolberg/Rhld.: Kommunale Galerie Burg Stolberg
Flensburg: Galerie Danielsen Hamburg-Schwarzenacker: Galerle Monlka Beck
Dortmund: Galerie Purschke Horgen/Schweiz: Galerie Murbach
1988 Düsseldorf: KiJnstlervereln Malkasten
Bad Oeynhausen: Stddtlsche Galerie
GieBen: Produzenten Galerie 42
Hagen: Galerie Nova
1989 Ulm: Galerie Im Kornhauskeller
Moers: Zentralbibliothek
Dortmund: Galerie Ruhr-Gold
1990 Galerie Kirchnüchel
1991 Altena: Stadtgalerie
Ratingen: Hahnerhof
1992 Bergkamen: "Sohle 1"
Hamburg-Schwarzenacker: Galerie
Monika Beck
Istanbul: Galerie Nadya Reisyan
1993 Remscheid: Graphothek
Istanbul: Galerie Nadya Reisyan
1994 Izmir: Galerie Aphrodie
Schleswig: Städtisches Museum Schleswig
Rosenheim: Kunstverein Rosenheim
Rüsselsheim: Stadttheater
Wlpperfürth: Altes Stadthaus
Erlangen: "Kulturtreff"
Duisburg: Internationaler Jugendverein
"Kiebitz"
1995 Gelsenkirchen: Galerie Mucha
1997 Herne: Emschertal-Museum
Bergkamen: Galerie Sohle 1

 

in situ

         

         

         

        

 

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Gruppenausstellungen (Auszug):

1963 - 1966 Ankara und Istanbul
1973 Cuxhaven: 2. Kulturwochen
1974 Wuppertal: Galerie Palette
1975 Timisoara/Rumänien
1976 XXX. Bergische Kunstausstellung im
Deutschen Klingenmuseum
1977 Hagen: Westdeutscher Künstlerbund Im
Karl Ernst Osthaus-Museum
Bochum: Museum "Forum junger Kunst '77"
Lud wigs ha Fen: K. O. Braun-Museum
"Bibllophile Mappenwerke"
1978 Wolfsburg: Schloß Wolfsburg
"Forum junger Kunst '77"
Düsseldorf: GroBe Dusseldorfer Kunst­
ausstellung
1979 New York/USA: International Art
Exposition
Düsseldorf: Große Düsseldorfer Kunst­ausstellung
1980 Darmstadt: Kunstverein "Liebe - Dokumente aus unserer Zeit"
Dusseldorf: GroBe Dusseldorfer Kunst­
ausstellung
1981 Hannover: Kunstverein "Liebe - Dokumente aus unserer Zeit"
Hagen: Westdeutscher Künstlerbund im Ernst Osthaus-Museum Erlangen: Galerie Elke Hofmann Fragmente und Fertiggestelltes" Krakau/Polen: "13 deutsche Zeichner" (Wanderausstellung)
1982 Kosice/Tschechoslowakei: Ausstellung des
von der Heydt-Museums "Wuppertaler
Kunstler 1950 - 1980"
Colrnar/Frankrekh: Galerie Aries
1983 New York/USA: German Book Fair
(Bibliophile Mappenwerke/Edition Monika Beck)
New York/USA: International Art
Exposition
Bari/ltalien: International Expo Arte
(Edition Monika Beck)
Wien: Museum des 20, Jahrhunderts
"300 Jahre danach"
Basel: C.E.D.R.I.-Ausstellung "Schweigen brechen"
Nowy Sacz/Polen: "8 westdeutsche
Holzschneider" (Wanderausstellung)
1984 Damaskus/Syrien: Ebla-Galerie Jnterna-
tionale Grafik-Ausstellung"
Dusseldorf: Jahresausstellung Dusseldorfer
Kunstler
Düsseldorf: Jahresausstellung des Künstlervereins Malkasten
1985 Bochum: Museum Bochum/Kemnade 1985
Lodz/Polen: Internationale Ausstellung
"Kleine GrafIk-Formate"
1986 Dusseldorf: KV Malkasten
"Handzeichnungen"
Damaskus/Syrien: Internationale Grafik-ausstellung in der Ebla-Galerie Wanderausstellung "Das andere Land" in Berlin: Orangerie des Schlosses C h a rl often burg Bochum: Museum Frankfurt: Paulskirche Saarbriicken: Stadtgalerie
1986 Stuttgart: "Kultur unterm Turm"
Düsseldorf: Jahresausstellung Düsseldorfer
Künstler
Dusseldorf: Große Düsseldorfer Kunstausstellung
1987 Wanderausstellung "Das andere Land" In
München: Künstlerwerkstatt Lothringer
Strafte
Hannover: Orangerie, Hannover-Herren-housen
Luxembourg: Muses de I'Etat a Luxembourg
Ludwigshafen: Wllhelm-Hack-Museum Horgen/Schweiz: Galerie Murbach Dusseldorf: Galerie Dorit Adler "Radierer des Malkostens"
Wuppertal: BBK-Ausstellung "Wahn-Sinn" Dusseldorf: Jahresausstellung Dusseldorfer Kiinstler Freienbach/Schweiz: Galerie P'Art
1988 Wuppertal: Galerie Epikur "Grafik des
20. Jahrhunderts"
Wanderausstellung "Kunst und Kohle" Im Ruhrgebiet
Damaskus/Syrien: Internationale Grafikaufstellung in der Ebla-Galerie
1989 Wanderausstellung "Kunst und Kohle" Im
Ruhrgebiet
Berlin: Galerie Ludwig Lange Hamm: Galerie Kley
1990 Horgen/Schweiz: Galerie Murbach
Berlin: NGBK "Kunst& Krieg 1939- 1989" Petershagen: Altes Amtsgericht Darmstadt: Kunstverein "Flucht- Problemkreis seit Menschengedenken" Hagen: Galerie Nova Dortmund: Galerie Ruhr-Gold
1991 Dusseldorf; Malkasten e. V. "Memento"
Wuppertal: Stadtsparkasse "Aus allen
Richtungen"
Mannheim: Reiss-Museum "Türkische Künstler in Deutschland" Havanna/Kuba: "Kleine Grafik" (Wan­derausstellung)
1992 Bonn: Künstlerforum - Beginn der Wanderausstellung:
"30 Jahre türkische Kunst In Deutschland Hamm: Galerie Kley 1993: Moers: Zentralbibliothek Wurzburg: Galerie am Grasholz Remscheid: Stadtgolerie Istanbul: Kunstmesse
1994 Wurzburg: Galerie am Grasholz
Solingen: Altes Klingenmuseum "Zusammen-Hange"
Ausstellung Türkischer und Solinger Künstler
Wurzburg: Galerie am Grasholz (Grasholz-Editionen) Wuppertal: Stadhparkasse „Fremde wahrnehmen"

 

Holzschnitt

                   

 

Sehet welch ein Mensch...
Menschenbilder von Ismail Çoban

Ismail Çoban, der Maler und Zeichner, entzieht sich als Grenzgänger zwischen zwei Kulturen allen stilistischen Zuordnungen und Markttendenzen. Das macht ihn unverwechselbar, und es erschwert zugleich den Zugang zu seinem immensen künstlerischen Werk, das beeindruckend kompromißlos ist und nur der eigenen Überzeugung folgt. Seine Freunde und Sammler schätzen diese in angepaßten Zeiten selten gewordenen Tugenden. Und es irritiert einen Markt, der seine eige­nen Trends schafft.

Çoban, der seit 1969 in Deutschland lebt und sich als Künstler trotz Trendverweigerung Iängst durchgesetzt hat, ist ein Individualist und Moralist, der sich stets bewußt ist, daß mit jedem neuen Bild auch seine Glaubwürdigkeit auf dem Prüfstand steht.

Nur wer sein Handwerk so souverän beherrscht wie Ismail Çoban kann so autonom und unangefochten seine eigenen künstlerischen Wege gehen. Den Weg als expressiver und doch kontrollierter Maler, dessen Farbempfinden das Licht türkischer Landschaften ahnen Iäßt. Den Weg als technisch und stilistisch eigenwilliger Radierer und Holzschneider, der vor allem in der Druckgrafik seine besondere Beziehung zur Literatur auslebt, ohne je illustrativ zu werden. Und den Weg als Zeichner, den diese Ausstellung in einem bescheidenen Ausschnitt dokumentiert.

Eine Annäherung an den Zeichner Ismail Çoban fuhrt zu einer Begegnung miteiner komplexen Persönlichkeit, die als Künstler, als Mystiker, als zeichnender Philosoph und als politischer Mensch vielschichtig und doch gradlinig, von hohem Ethos und zugleich spannend ist.

Es gibt keine stringente Chronologie im zeichnerischen Werk Ismail Çobans. Es gibt Anlässe für Betroffenheiten, die im Jetzt wie im Gestern oder Vorgestern liegen und die künstlerische Schübe hervorbringen.

Literarische Erfahrungen gehören dazu: Die Lyrik Pablo Nerudas etwa, dem er die wunderbare Mappe ,,Friede für die Abenddämmerungen" (Radierungen) widmete. Oder auch Werk und Biographie Else Lasker-Schülers, jener bedeutenden deutsch-jüdischen Dichterin, deren Stimme in dunklen Tagen hierzulande nicht gehört wurde. Besonders aber Franz Kafkas beängstigende Wirklichkeitserfahrungen, seine Visionen von einer Welt, in der totale Lebens- und Existenzangst herrscht. Seine bedrückenden Metaphern für eine unmenschliche, lebensfeindliche Gesellschaft. In einer Lebenskrise Ismail Çobans entstehen Zeichnungen, in denen sich Erinnerungen an kafkaeske Situationen auf seinem an konkreten Bedrohungen reichen Wege spiegeln. Erfahrungen des Ausgeliefertseins In den Amtsstuben der Bürokratie. Die alltägliche Gegenwart von persönlicher Gefährdung, weil er sich für Menschen einsetzte, die bei ihm Zuflucht suchten. In ihren extremsten Erscheinungen sind diese Erlebnisse glücklicherweise Vergangenheit.

Immer wieder greift Ismail Çoban auf Nazim Hikmet zurück, jenen bedeutendsten türkischen Dichter der Neuzeit. Hikmets Epos über den legendären Scheich Bedreddin, geschrieben wahrend 13jdhriger politischer Haft (1936) im Gefängnis von Bursa, stimulierte einen Zyklus großformatiger Bleistiftzeichnungen, die zum Eindruckvollsten gehören, das die Zeichenkunst dieses Jahrhunderts hervorgebracht hat. Und bei Hikmet fand er die erschütternden ,,Briefe an Toronto Babu", die in 29 großen farbigen Zeichnungen des Jahres 1995 Antworten fanden, die ihnen zu Lebzeiten des Schreibenden versagt blieben,

Es sind die Briefe, die der vorübergehend in Rom lebende schwarzhäutige Student Benerci aus Eritrea (Äthiopien) Anfang der dreißiger Jahre an seine Frau in der Heimat schrieb. Aus Angst vor den italienischen Faschisten traure sich Benerci eines Tages nicht mehr aus dem House. Doch er wurde aufgespürt und ermordet. Seine Leiche wurde nie gefunden. Im Bettpfosten seines Zimmers versteckt, fand der Nachmieter, ein italienischer Schriftsteller, zufällig die nicht abgeschickten Briefe. Da die Italiener inzwischen Addis Abeba besetzt hatten, fürchtete der Autor für den Falle einer Veröffentlichung der Briefe um sein Leben. Er vertraute sie also Nazim Hikmet an, der die Briefe literarisch formte und dieser tragischen, eminent politischen Liebesgeschichte einen Platz in der Weltliteratur sicherte.

 

 

Im siebenten Brief an Taranta Babu klagte Benerci mit der Stimme Hikmets(1935):

“Eine solch erstaunliche Welt

ist es hier, dass sie

mit der Fülle stirbt,

mit der Not lebt.

In den Vorstädten gehen kranke Menschen

Wie hungrige Wölfe umher,

die Kornspeicher sind verschlossen,

die Kornspeicher sind voller Weizen.

Die Maschinen können

Den Weg von der Erde bis zur Sonne

Aus seidenem Stoff weben.

Die Menschen sind barfuß,

die Menschen sind nackt...

Eine solch erstaunliche Welt

Ist es hier, dass,

während die Fische Kaffee trinken,

die Kinder keine Milch finden.

Die Menschen füttern sie mit Worten,

die Schweine mit Kartoffeln...“

 

 

Ein Textbeispiel von beklemmender Bildhaftigkeit, eine literarische und politische Botschaft, wie Ismail Çoban sie oft als Herausforderung empfunden und angenommen hat.

Täglich von neuem empfindet Çoban die Kargheit der deutschen Sprache, die seinen Alltag begleitet. Vor allem dann, wenn er zurücktaucht in seine Muttersprache mit ihrer Blumigkeit und jenem Pathos, das deutscher Sprachgebrauch langst unter die Kontrolle eines minimalvisierenden Verstandes gestellt hat.

Er selbst unterstellt sich nicht der Selbstkontrolle verklopfender Abstraktion oder intellektueller Metaphorik. Er reagiert vor der Zeichenfläche mit einer eigentümlichen Mischung aus Spontaneität und Disziplin, aus bisweilen leidenschaftlicher Motorik und erdzahlerischer Strenge.

Jede Stunde ist voller Bilder, Nur wenige haben die Chance, festgehalten zu werden, aufbewahrt, befragt. In den Abenden, mit denen die Melancholie kommt, schwimmen die Gesichter des Tages, kehren die Momente des Glucks und der Enttauschung zurück. Der Zeichenstift macht sich selbständig, wird ein Werkzeug des Unbewussten, mischt Bildfragmente mit Erinnerungen und Gedanken. Es sind die Stunden des inneren Rückzugs, der Entgrenzung des Denkens und Fühlens. Stunden, aus denen der Künstler Kraft schöpft für den kommenden Tag. ,,Meditation" benennt Ismail Çoban etwa die Notierungen solcher Abende, aus denen auch die Inspiration für die Arbeit des neuen Morgans wachst. Vielleicht auch schon die Spur eines nächsten Bildes. Denn die Tage sind die Zeiten des zyklischen Arbeitens, der Deklination seiner großen Themen: Liebe, Toleranz, Menschlichkeit, Freiheit und Tod, Trauer, Gewalt, Entfremdung, Doppelmoral - und die Mythen seines Lebens.

Der Weg vom Gedanken zum Bild 1st kurz. Die endgültige Bildidee entsteht nicht selten erst im Arbeitsprozeß. Das heißt: das Bild ist keinesfalls fertig im Kopf des Künstlers, wenn er zum Zeichenstift greift. Es gibt kein Konzept, allenfalls eine Ahnung. Der Zeichenvorgang ist mehr intuitiv als voraus-schauend. Das Bild scheint sich selbst zu zeichnen. Seine unmittelbare Herkunft bleibt rätselhaft, seine Geschichte jedoch nachvollziehbar anhand der Biographie des Künstlers. Es bleibt verwurzelt in den Erfahrungen des liebenden, leidenden, hoffenden Humanisten Ismail Çoban.

Auch wenn die Bilder Ismail Çobans formal abgeschlossen scheinen, so bleiben sie doch offen für jene Bilder, die der Betrachter aus seinem Lebensfundus in die Begegnung mit einbringt.

Und so ist jedes Bild mit jedem Betrachter ein anderes, und es ist zugleich die Summe aller Bilder, die es in den Köpfen

jener Menschen auslost, die sich mit ihm konfrontieren. Die Existenzform des Bildes ist der Dialog. Und das nicht erst, nachdem der Künstler Zeichenstift und Pinsel aus der Hand gelegt hat. Denn jedes Bild ist zunächst das Ergebnis seines eigenen inneren Dialoges auf der ,,Suche nach dem Selbst", wie es ein Zyklus benennt. Dieses ,,Selbst" spiegelt sich auch in den Themen seiner Zyklen (z.B. ,,Kapitel der Freiheit") und in seinem politischen Engagement Für seine türkische Heimat und ihre Menschen.

Ismail Çoban begegnete in Deutschland einem türkischen Mädchen, das in einem Polizeigefängnis mißhandelt und vergewaltigt worden war. Das Nicht-Wunsch-Kind, das daraus entstand, trug nun als lebende Anklage den Namen des Generals, der die Verantwortung für die unmenschlichen Zustände in jenem türkischen Gefängnis getragen hatte.

Das Schicksal der jungen Frau stieß eine Serie von Zeichnungen an, für die Çoban die Metapher des zerbrochenen Spiegels wöhlte. Jenes Spiegels, dessen Scherben nur Unkenntlichkeiten reflektieren, Bildfetzen, aus denen die Zerstörung aller Lebenszusammenhänge, die Vernichtung von Vergangenheit und Zukunft sprechen. ,,lch denke dabei auch an die Frauen in den Kriegen", sagt Ismail Çoban. „ An die Frauen, die selbst die Erinnerung an ihr Gesicht verloren, weil ihnen alles genommen wurde, was sie liebten und was ihnen Identität gab.“

Und während der Zeichenstift Bilder schreibt, quellen aus dem Fax-Gerät Zeitungsausschnitte und Briefe: Ruckmeldungen zu einem politischen Engagement des Künstlers, der sich zu ei­nem Sprecher einer demokratischen Protest-Bewegung in der Türkei macht, die gegen ein kurzsichtiges "Euro-Gold" -Projekt streitet. Der Lebensraum und die Gesundheit vieler Men­schen, mehr als 400.000 Olivenbäume sowie Bodendenkmäler des klassischen Altertums stehen dabei auf dem Spiel.

Ein Künstler lebt unter den Bedingungen, die von der Politik geschaffen werden. Das ist die Regel. Doch Ismail Çoban ist davon überzeugt, daß es zum Auftrag des Künstlers gehört, diese Bedingungen mitzugestalten, so er seine Freiheit bewahren will. In seiner kämpferischen politischen Haltung einerseits und Im Rückzug in die Geborgenheit seiner kleinen Familie sowie in die Stille seines Ateliers andererseits äußert sich eine durchaus fruchtbare Ambivalenz. Und eine notwendige dazu.

Die Ambivalenzen menschlichen Lebens sind auch die Ambivalenzen der Kunst, ob man nun die kunstideologisch determinierte Formel von der Identität von Kunst und Leben akzeptiert oder nicht. Zweifellos ist Kunstproduzieren eine Lebensform und das Kunstprodukt - so es nicht eindimensional ist - ein Ergebnis ambivalenter Welterfahrung und philosophischer Weltbetrachtung. Ismail Çoban trögt die Philosophien des Abend- und des Morgenlandes in sich, ohne seine Herkunft zu verwischen. Er bleibt ein Künstler aus der Türkei, der in die Fremde ging, die ein Teil von ihm geworden ist. Doch die menschlichen Werte, die er vertritt, gehören zu den Grundfesten beider Kulturen, - auch wenn er mit der Fähigkeit und Bereitschaft zur Toleranz immer wieder Probleme hat, - in beiden Welten.

Die Grenzüberschreitung, die er geographisch und kulturell vor achtundzwanzig Jahren vollzog, blieb nicht die dominante Grenzerfahrung seines Lebens. Dies sind mehr noch die Grenzen, die das Fühlen, Denken und Handeln von Men­schen bestimmen. Grenzen, die sich in den Köpfen verfestigen als Ergebnis von Erziehung, Weltanschauung und Poli­tik. Kunst aber ist immer wieder Grenzüberschreitung, das Wagnis des Unerprobten, Unbestätigten.

In den großformatigen, manchmal monumentalen Zeichnungen von Ismail Çoban ist Grenzziehung in den letzten Jah­ren ein Formales Prinzip auf der Grundlage philosophischer Betrachtungen und gesellschaftlicher Einsichten. Diese Arbeiten unterscheiden sich von anderen durch kompositorische Elemente in Form von ,,Fenstern" und Gliederungen der Bildflache. Klebebänder, die im letzten Teil des Arbeitsprozesses wieder entfernt werden, hinterlassen helle Balkenstrukturen, die mehr als ,,Zeichen" sind und mehr als einen kompositorischen Auftrag erfüllen.

,,Es sind Fenster, durch die wir uns die Welt aneignen", sagt Ismail Çoban, ,,und es sind die Grenzen, die mitten durch uns hindurch gehen. Die Grenzen, die wir in uns selbst überwinden müssen. bevor wir die Grenzen zum Anderen über schreiten können."

Auch wenn Kunst den Anderen a s Dialogpartner braucht, ist Kunstmachen doch ein einsamer Prozeß. Ismail Çoban hat Erfahrung mit Einsamkeit. Er hot sich oft alleingelassen gefühlt, wenn er in schweren Tagen vergeblich auf Freundschaft setzte Drei riesige Triptykchen, die unter dem Thema ,,Jeder trögt sein Kreuz allein" stehen konnten, wurzeln darum vor allem in eigener leidvoller Lebenserfahrung.

Dagegen setzt Ismail Çoban das Thema LIEBE als die wichtigste Triebkraft seines privaten wie künstlerischen Lebens. Auch in seinen Menschenbildern gibt es immer wieder pralle Erotik und behutsame Zärtlichkeit, Romantik und Poesie, aber auch animalische Kraft. Die Menschenwesen, die er auf s Papier oder auf die Leinwand bringt, lassen Distanz nicht zu.



Sie kämpfen und sie lieben sich. Sie verschmelzen Haut an Haut und sind verschlungen in unendlichen Umarmungen. Doch am Signifikantesten die Hände. Es sind ganze Ballette von Händen, die in den Figurationen gestikulieren, berühren, streicheln. Hände die sich dem Betrachter entgegenstrecken. Seine Hände.

Dabei hat er noch immer Schwierigkeiten nut der gestörten Körperlichkeit der Menschen, die ihn hierzulande umgeben. Nähe zu ertragen, vielleicht sogar zu genießen, steht offenbar nicht auf den Stundenplänen deutscher Lebensschulen

Ismail Çoban hat sich in seiner gar nicht mehr so neuen Welt im Bergischen Land mit seiner Frau und seien beiden Söhnen ein Lebensklima geschaffen, das auch seine Bilder durchweht. Und so ist sein tausendfach gezeichnetes Bekenntnis

zu Nähe ,Wärme, Freundschaft und Liebe ein Spiegel seiner heutigen inneren Lebenswirklichkeit, aus der er die Kraft bezieht für das große Abenteuer KUNST.

Dieter Treeck

 

Zeichnung

                        

 

Radierung

                   

 

Alle Auswahlbilder Ismail Çoban ansehen

 

Aufbau am 5.3.2005

         

         

         

    

         

         

         

         

 

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Eröffnung am 6.3.2005

         

         

         

         

         

         

         

         

         

         

         

         

         

         

    

 

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Pressetext zur Ausstellung

Parallelausstellung in der galerie m beck, Homburg-Schwarzenacker

Hannelore Seiffert: “Zu mir hin | Keramische Arbeiten”
Ismail Çoban: “Menschenbilder | Malerei Zeichnung Grafik”

Unter dem Titel “Zu mir hin” präsentiert die galerie m beck zur Zeit aktuelle Keramikarbeiten von Hannelore Seiffert. Parallel dazu sind in Schwarzenacker die “Menschenbilder” Ismail Çobans zu sehen. In der bewussten Gegenüberstellung von Gemälden, Zeichnungen und Grafiken des deutsch-türkischen Künstlers Çoban und den sinnbetonten Keramikarbeiten der 1943 in Darmstadt geborenen, heute im Saarland lebenden Hannelore Seiffert entsteht dabei ein Spannungsfeld, das als verbindendes Element nichts weniger als “das Recht” einfordert. “Beiden Positionen dieser Ausstellung gemeinsam”, so der Bexbacher Kunsthistoriker Dr. Jürgen Ecker, “ist das ‚Recht auf Menschsein‘ (Çoban) und das ‚Recht auf Form‘ (Seiffert)”. Wie sich diese gemeinsame Position erschließt, kann der Besucher nun auf insgesamt drei Galerieetagen erleben.

An Traumbilder erinnernd, bewegen sich die Radierungen, Holzschnitte, Zeichnungen und Ölbilder des 1945 in Çorum/Türkei geborenen, heute in Wuppertal lebenden Ismail Çoban zwischen irisierender Transparenz und betont starken Konturen. Zentrales Motiv all seiner Arbeiten ist dabei “der Mensch” in seiner äußeren und energetischen Form, wobei Çobans Vielfalt der Ausdrucksmittel gleichsam die vielfältigen Facetten des Themas “Menschsein” symbolisiert. Dem entsprechend setzt der ausgebildete Volksschullehrer, der seit 1971 als freischaffender Maler und Grafiker tätig ist, seine Figuren stets in subtilen Bezug zu den sie umgebenden Welten. Aus diesem spannenden Wechselspiel zwischen Illustration und Interpretation, natürlichem und surrealem Umfeld entstehen in der Folge jene “Menschenbilder”, die nun auch in Schwarzenacker zu sehen sind. 40 im Rahmen und 60 als Mappenwerke präsentierte Arbeiten geben hierbei nicht nur einen umfassenden Einblick in die ungewöhnliche Bildsprache Ismail Çobans, sondern vermitteln zugleich tiefe Einblicke in die ganz persönliche, betont intuitive Gefühlswelt dieses “zeichnenden Philosophen” und “individualistischen Moralisten”. “Ismail Çoban”, so der Dieter Treeck, “entzieht sich als Grenzgänger zwischen zwei Kulturen allen stilistischen Zuordnungen und Markttendenzen. Das”, unterstreicht Treeck, “macht ihn unverwechselbar – und es erschwert zugleich den Zugang zu seinem immensen künstlerischen Werk, das beeindruckend kompromisslos ist und nur der eigenen Überzeugung folgt”.

Kompromisslos in ihrer Form sind auch die rund 25 organischen Keramikarbeiten Hannelore Seifferts, die - in sich ruhend und voller stiller Kraft - ihre feinen Details erst bei näherem Hinsehen offenbaren. Dabei betonen die Lasuren nicht nur den Charakter der einzelnen Plastiken, sondern laden den Betrachter gleichzeitig zu einer Entdeckungsreise in deren akzentuierten Gestaltungsreichtum ein. So verdichten sich in den Arbeiten der in Schiffweiler lebenden Künstlerin Strukturen und Oberflächen, Formen und Farben zu faszinierenden Mikrokosmen. In ihrer Ausstellung “Hin zu mir” zeigt die galerie m beck auf unterschiedlichen Ebenen fünf Werkansätze Hannelore Seifferts, in deren Mittelpunkt wiederum eine aus 27 Teilen bestehende Boden- respektive Wandinstallation steht. Das Besondere an diesen Arbeiten ist der formale Ansatz, “weg von Figur und Gegenstand hin zur bildhauerischen Form zu kommen”. Diesen Ansatz greift bewusst auch der Titel der Ausstellung auf, der laut Ausstellungskurator Mathias Beck darauf verweist, “dass die Form der Künstlerin entgegenkommt in dem Sinne, dass sie nicht danach sucht, sondern das Gefühl hat, dabei viel eher zu finden”.

Hannelore Seifferts Ausstellung “Zu mir hin | Keramische Arbeiten” ist bis einschließlich Freitag, 15. April, Ismail Çobans “Menschenbilder | Malerei Zeichnung Grafik” noch bis 21. April in der galerie m beck, Historischer Schwedenhof (Am Römermuseum), Homburg-Schwarzenacker, zu folgenden Öffnungszeiten zu sehen: Mittwoch bis Freitag von 16 bis 20 Uhr, sonntags und feiertags von 16 bis 18 Uhr sowie jederzeit nach vorheriger telefonischer Vereinbarung unter (0 68 48) 7 21 52. Wegen der Osterfeiertage bleibt die Parallelausstellung zwischen 24. und 28. März geschlossen.

Weitere Informationen zu diesen und weiteren Ausstellungen gibt es im Internet unter www.galerie-monika-beck.de.

 

Ausstellungshinweis | Saarpfalz City-Map | März 2005

 

http://www.saarpfalz.city-map.de/city/db/150503010000.html

 

Ausstellungshinweis | Saarbrücker Zeitung | 14.3.2005

Ausstellungshinweis | Saarbrücker Zeitung | 17.3.2005

Ausstellungshinweis | Saarbrücker Zeitung | Treff Regional | 1.4.2005

Ausstellungskritik | Die Rheinpfalz | Stefan Folz | 25.3.2005

 

Technische Informationen zur Ausstellung