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13. August bis 8. Oktober 2000
DINA DRAEGER | MARKUS KOECK
Ein schöner Rücken
kann auch entzücken
Provozierende Arbeiten von Dina Draeger und Markus Koeck in der Homburger
Galerie Beck
Gerade in der heißen
Jahreszeit lohnt es sich, durch deutsche Landschaften zu spazieren und
seine Mitmenschen etwas näher unter die Lupe zu nehmen. Viel Grund zur
Klage findet ein kritisches Auge, was den Kleidungsstil vieler der
illustren Damen und Herren anbelangt. Allzu groß ist dabei die Gefahr,
spontan zu kategorisieren, in Schubladendenken zu verfallen. Das tun die Künstler
Dina Draeger und Markus Koeck sicherlich nicht, wenngleich sie sich genau
mit diesen Themen beschäftigen. So wird ein Besuch der Galerie Beck
derzeit durchaus zur Reise durch deutsche Befindlichkeiten.
Eines der liebsten
Hobbies der Deutschen ist sicherlich das Fotografieren verwandter und
befreundeter Menschen. Auch der 1967 in Kirn/Nahe geborene Künstler
Markus Koeck macht gerne Fotos. Allerdings geht er dabei mit ironischem
Augenzwinkern ganz andere Wege. „Upskirt" nennt Koeck seine großformatigen
Fotoarbeiten und meint damit, Menschen heimlich ohne deren Wissen auf
Zelluloid oder Datenchip zu bannen. Grundsätzlich sind seine Modelle von
hinten fotografiert, aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes also nicht
zu identifizieren. Das mit der Kamera eingefangene Ergebnis wird per
Computer weiterverarbeitet, die Figuren völlig aus ihrer ursprünglichen
Umgebung gelöst und vor einen makellos weißen Hintergrund gestellt. Das
hat einen interessanten Effekt, der Betrachter ist nämlich völlig auf
das „Objekt der Begierde" konzentriert, wird nicht durch schmückendes
Beiwerk abgelenkt.
Doch weckt Koecks
Personnage wirklich Begehrlichkeiten? Sicherlich nicht im Sinne des heute
herrschenden Schönheits- und Ästhetikempfindens. Vielmehr ist ganz alltägliche
Nachlässigkeit ein Markenzeichen der Aufnahmen. Beinahe könnte man in
ihnen ironisierte Modefotografien entdecken - ein eleganter Seitenhieb auf
Perfektion und makellose Schönheit der Werbung. Und sicherlich lassen
Koecks Fotografien so manchen Betrachter schmunzeln, mit pikiertem Blick
die Nachlässigkeiten von Kleidung und Figur begutachten. Und heimlich den
fotografischen Opfern neidvoll ein wunderbares Selbstbewusstsein und eine
überdurchschnittliche Präsens attestieren. Ist Schönheit mehr als die
Summe der optischen Eindrücke?
Zur Beantwortung dieser
Frage kommt man – und das im wahrsten Sinne des Wortes - kaum an Dina
Draegers „Archiv der Obsessionen", einer zwei Meter hohen, kastenförmigen
Installation, die mit fünf Dutzend Schubladen versehen ist, vorbei. Unter
anderem mit Begriffen wie „Sex", „Karriere", „Milch",
oder „Kult" beschriftet, geben diese ihren Inhalt erst preis, wenn
der Betrachter sie öffnet - sich also in übertragenem Sinn mit ihnen
auseinandersetzt. So entlarvt die 34-jährige Künstlerin mit ihrer
interaktiven Installation auf verblüffend-spielerische Weise Obsessionen
jedweder Form. Nicht immer direkt, meist geht sie dabei den Weg des
Ironischen, der ab und zu sogar in Sarkasmus mündet.
So hat denn auch der
Inhalt der Schubladen in Form übermalter Fotocollagen auf den ersten
Blick wenig gemein mit den vorbelasteten Begriffen. Dina Draeger zwingt
den medienverwöhnten Betrachter einfach, sich auf ihr „Archiv der
Obsessionen" einzulassen und seine ganz persönliche Interpretation
der Dinge zu finden. Dass diese so verwirrend-vielschichtig sind wie die
teils autobiographisch inspirierten Collagen der Künstlerin, ist
logischer Teil der Installation, die ihre Spannung auch aus dem
Schauprozess des Betrachters bezieht.
Stefan Folz | Die Rheinpfalz
Dina
Draeger
Das Archiv der Obsessionen

Dina Draeger
geb 1966 in Veerßen
1985 Ausbildung z Erzieherin
1988 Abitur
Umzug nach Paris u Leitung einer staatl geförderten Galerie f experimentelle Kunst
1992 Studium Kunstgeschichte, Philosophie u Medienkunst an der Staatl Hochschule f Gestaltung in Karlsruhe
lebt u arbeitet in Weinheim ad Bergstraße

Das Archiv der Obsessionen von Dina Draeger
Die Arbeit Das Archiv der Obsessionen von Dina Draeger ist einerseits eine Skulptur, ein weinroter Quader, 180cm hoch, 260cm breit und 130cm tief. Andererseits ist die Skulptur ein Behältnis für Bilder. Sechzig Schubladen unterschiedlicher Größe in scheinbar ungeordneter Weise sind in die Seitenflächen des Quaders eingelassen. Auf jeder Schublade steht ein anderes Wort in grauer Schrift. Zieht man an den kleinen Lederschlaufen der Schubladen, erscheinen die Bilder: aneinander montierte Photographien die so mit Ölmalerei kombiniert sind, daß teils eine Unterscheidung zwischen Malerei und Photographie nur schwer möglich ist. Zugleich
umfasst das Repertoire realistische wie abstrakte Malerei. Die Photos sind aus dem persönlichen Archiv der Künstlerin entnommen. Sie umfassen eine Zeitspanne von etwa 20 Jahren.
Nicht nur der Titel der Arbeit „Das Archiv der Obsessionen“ verführt den Betrachter nach inhaltlichen Korrespondenzen zu suchen, ebenso die Wörter auf den Schubladen. Diese Verführung ist von Dina Draeger auch insofern gewollt, als sie im nächsten Moment den Betrachter quasi „positiv enttäuscht“. Die Schublade mit der Aufschrift „SEX“ beispielsweise zeigt ein in enger, schleimiger Umarmung kopulierendes Paar Weinbergschnecken, die ja bekanntlich während des Aktes entscheiden, wer den männlichen und wer den weiblichen Part in der Partie übernimmt. Sex ohne Kampf der Geschlechter. „LIEBE“ zeigt einen Vater, der seine beiden Zwillingstöchter an einem Bauchgurt mit Leine, den die kleinen umgebunden haben, durch einen Park führt - aus Liebe eben. Bei jeder Schublade tut sich eine verschobene Ebene auf, etwas, das unsere Erwartungen in Bezug auf einen Begriff in Frage stellt. „Meine Arbeiten sind grundsätzlich assoziativ, Illustration interessiert mich nicht, das ist nicht der Sinn von Kunst,“ so Dina Draeger. Es gibt zahlreiche Anspielungen in ihren Bildern z.B. auf die Literatur („PROUST“), Philosophie („PLATO“, „METAPHYSIK“), Kunstgeschichte („MEISTERWERK“). Neben der Medienkunst an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung bei Marie Jo Lafontaine hat die Künstlerin Kunstwissenschaften und Philosophie studiert und das ist in ihren Arbeiten präsent: „Theorie und Praxis führen ein symbiotisches Leben in mir, ich brauche beides für die Arbeit, sie bedingen einander.“ Die „Obsessionen“, die im Titel erscheinen, sind nicht auf Voyeurismus angelegt, „wie eine Domina aussieht, wissen wir aus Pro 7 oder aus eigener Erfahrung, die Faszination des Containers haben andere vorgeführt, das läuft auf Pornographie hinaus, wogegen ich nichts habe; aber ich bin eben Künstlerin von Beruf und das ist meine Obsession.“
Gleichzeitig zur Art Frankfurt findet eine Ausstellung mit großen Arbeiten, die in der gleichen Technik hergestellt sind, in der Galerie AnBau 35 in Bonn statt. Auf der Einladungskarte ist ein buddhistisch-katholischer Friedhof mit dem alten Hakenkreuzsymbol zu sehen und eine Vietnamesin mit ihrem Kind in einem Boot. Die Arbeit zeigt, wie Symbole durch ihre Umfunktionierung unsere Wahrnehmung neu besetzen, es entsteht ein Bruch, den Dina Draeger ikonographisch herbeiführt: das Symbol befindet sich auf einem Friedhof und zwar in der oberen linken Ecke, nicht rechts. Das Kreuz ist rot, nicht schwarz. Wilde Pflanzen und Gräser wachsen um die Grabsteine herum. Die Photomontage zeigt am unteren Rand Mutter und Kind friedlich, weltabgewandt und einander zugewandt. „Vietnam habe ich als ein äußerst tolerantes Land wahrgenommen, was den Synkretismus angeht. Die Religionen sind untereinander kombinierbar, koexistent. Ich habe Wochen gebraucht, um beim Fotografieren der Friedhöfe die Symbole zu betrachten, wie sie sind, und nicht, wie sie auf meine Empfindungen wirken, obwohl sie älterer Tradition entstammen, als die jüngere deutsche Geschichte. Aber dann kommt man eben zurück in den Raum wo die Bedeutung des Symbols wieder von anderen Vorzeichen geprägt ist. Man arbeitet und fragt sich: Wird man dich verstehen?“
Smail Hadjadj, ein befreundeter Psychologe algerischer Abstammung aus Paris schrieb eine Karte als Reaktion auf die Einladung: >>...in Algerien gibt es einen gewissen Geruch vom Dritten Weltkrieg... Die Nazikrankheit ist noch nicht vorbei... und manchmal wacht sie eben in Europa wieder auf...<<
„Ich weiß nichts davon, daß es in Algerien nach Drittem Weltkrieg riecht, aber ich denke Smail Hadjadj hat mich
verstanden,“ so die Künstlerin.
Die Photos für die Arbeiten der Bonner Ausstellung Im Archiv der Obsessionen sind vorwiegend auf zwei längeren Reisen nach Vietnam, Kambodscha und Kuba entstanden. Der Galerieraum ist wie das Innere eines weißen Kubus gestaltet, die Bilder sind nicht nur an der Wand, sondern auch an Decke und Fußboden angebracht. Nach den vorwiegend sehr kleinen Arbeiten in den Schubladen hat die Künstlerin hier große Bilder geschaffen, in denen sie sich mit den Bezügen von Malerei und Photographie im Raum und als Raum auseinandersetzt, also die
Ausstellung als Installation inszeniert. Das Innen und Außen des Quaders stellt die konzeptuelle Gegenüberstellung der beiden Präsentationen bei Beck und AnBau 35 dar.
Obsessionen, lat Bedrängnis, sind Zwangsvorstellungen oder –handlungen, die mit Angsterlebnissen verbunden, u.a. bei neurotischen und depressiven Erkrankungen vorkommen.
Dina Draeger beschreibt ihr Archiv als eines „über die subjektiven Tabuzonen der menschlichen Phantasien“, und setzt ihr „Verschließen und Lagern der Bilder“ in Beziehung zur „Vulgarisierung persönlichster Angelegenheiten“ durch Öffentlichmachen (in Fernsehshows, Zeitschriften, im Internet).
Mein Zugang zum Archiv ist ein anderer, weniger der Theorie entlehnt, der sie anhand des sehr kurzen, sehr klugen Textes Dina Draegers in der Mappe, die vorne ausliegt, nachgehen können. Mein Zugang ist biederer. Ich habe die Erfahrung gemacht, daß viele der Bilder – wortwörtlich hinter den Begriffen in der Lage sind, meine Assoziationen zu steuern, zu strukturieren.
Die boshafte Ironisierung zB, nämlich Karriere verstanden als Überleben und Vorankommen im Wildwasser - gespeist aus einem Triton, stellt die männlich
gefasste Übereinkunft vom entbehrungs- aber siegreichen, harten Leben auf die Stufe eines Fetisch.
Aber sprechen wir an dieser Stelle lieber über Preise, wie Sie sie unten auf der Preisliste zu Dina Draegers „Archiv der Obsessionen“ vergleichen können, um einen anderen Aspekt der hohen künstlerischen Qualität dieser Arbeit zu verdeutlichen.
Wussten Sie, daß „Ruhm“ billiger zu haben ist als „Kunst“, und „Sex“ nicht so viel kostet wie eine „Karriere“ aber genauso viel wie „Liebe“, daß die „Gefangenschaft“ auf Dauer am teuersten kommt, und spottbillig der „Tod“?
Mathias Beck (aus der Eröffnungsrede)

Markus
Koeck
Upskirt

geboren 14. 09. 1967 in Kirn/Nahe
1989 - 1994 Studium Produktdesign an der HBK Saar
1993 Beginn der festen künstlerischen Zusammenarbeit mit Michael
Blaszczyk (b.u.k.)
1994 Diplom Produktdesign
1995 - 1996 ABM als Kunsterzieher
1996 Wintersemester, Beginn des Studium Neue Medien an der HBK Saar
Ausstellungen seit 1990
Rundgänge HBK
1993
- "b.u.k., Mixed Media", Galerie Kunstgiebel,
Voerde-Friedrichsfeld
- "b.u.k., Mixed Media II", Galerie im Zwinger, St.Wendel
- Archäologischer Park Xanten
- "Zeichen auf dem Weg", HBK Saar
1996
- "Im tiefen Keller", Künstlerhaus Saarbrücken
- "Warndtgesichter", Warndt-Heimatmuseum, Ludweiler
- "Begegnungen", Atelier Tor 1, Alpen
1997
"Begegnungen", Atelier Tor 1, Alpen
1998
Aktzeichnungen der Klasse Bodo Baumgarten im Saarländischen
Wirtschaftsministerium
in situ Eingang

Upskirt bezeichnet eine besondere Form des Voyeurismus. Es handelt sich um Fotos, die oft mittels besonderer Kameras, zB verborgen im Schuh, auf der Straße up the skirt gemacht werden. Wahrscheinlich stammt diese Art der Fotografie aus Japan und hat sich durch das Internet rasend schnell weltweit verbreitet.
Sich damit eingehender beschäftigend, stellt man angesichts des Fotomaterials schnell fest, daß die Qualität der meisten Aufnahmen erbärmlich schlecht ist. Offenbar wird das daran sexuell gemeinte, das sich ja in den Bildern manifestieren
müsste, von etwas ganz anderem genährt, vielleicht Aspekten des Jagens und Erlegens.
Offensichtlich sind Markus Koecks Fotoarbeiten nicht sexuell determiniert. Mit dem Ausstellungstitel wollten wir eher auf den Ausgangspunkt, die fast boshafte Jagd nach dem Augenblick des Auslösens (das Erlegen wohlgemerkt) und die erwartete Verwandlung der Bilder abzielen, die Verwandlung der Bilder von wegen des Rechtes auf das eigene Bild anonym bleibenden und durch die Art des Erlegens auch ihrer Persönlichkeit beraubten Opfer in Menschenbilder. Typen, die auf wundersame Art und Weise zu erzählen beginnen, obwohl sie doch eigentlich der Welt – je nach Standpunkt, den man einnehmen möchte – beraubt oder entrückt sind. Durch dieses Ausschneiden aus der Welt gewinnen sie erst ihre eigentümliche Präsenz.
Den großen Bildern hat Markus Koeck jeweils ein kleines 9x13 cm großes Foto beigefügt. Diese kleinen Bilder stammen aus einem Privatarchiv und zeigen
jedes Mal dieselbe Frau | nicht. Unabhängig vom Kunstgriff der Beschneidung der abgebildeten Wirklichkeit um diese zentrale Frauenfigur, die man vorhanden wohl gar nicht wahrgenommen hätte, gerät man in der Betrachtung der Fotografiepaare in eine Art detektivisch gestimmtes Grübeln.
Mathias Beck (aus der Eröffnungsrede)
in situ Hauptetage





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| Saarbrücker Zeitung | Dr Sabine Graf | 21.8.2000
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| Kakadu | August 2001
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| Die Rheinpfalz | Stefan Folz | August 2000
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