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 Nikola Dimitrov | Völklinger Plätze Kunst 

Vorstellung des Buches am 25.4.2005 im Rathaus Völklingen

 

        

         

         

         

         

 

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Rede zur Buchpräsentation: Völklinger Plätze Kunst

... Meine sehr geehrten Damen und Herren,

Das Buch Völkl Pätze Kunst ist ein Buch über die Stadt Völklingen, ein Buch über den Künstler N D, ein Buch über abstrakte Malerei und zugleich ein Buch über die Resonanz der Völklinger Bürger auf ein herausforderndes Kunstprojekt. Das Buch, das Ihnen heute hier inmitten der Bilder präsentiert wird, zeichnet die Orte, die Situationen, aber auch die Implikationen des Projektes nach; es führt sie ein in die Welt der damals entstandenen Bilder und es will zugleich Anstoß geben, die künstlerische Auseinandersetzung mit der Stadt Völklingen weiter zu führen.

Das Buch setzt damit einen vorläufigen Schlusspunkt in der ungewöhnlichen Annäherung eines Künstlers an die Realität der Stadt. Der Heusweiler Maler ND schuf in den Jahren 2000 bis 2002 ein symbolisches Porträt im Dialog mit den Menschen und Plätzen Völklingens. ND hat in der Innenstadt und den Stadtteilen gearbeitet, beobachtet von vielen Bürgern und begleitet von den Stadtteil-Repräsentanten. Er machte seine Arbeitsweise transparent und unterwarf seine abstrakte Malweise dabei ganz den realen Objekten. Anders als andere Künstler konfrontierte er das Publikum nicht nur mit seinem fertigen Werk, sondern auch mit dem gesamten Werksprozess. Er machte keine Kunst für den öffentlichen Raum, sondern im öffentlichen Raum und setzte sich damit ab von den Regeln des gängigen Kunstbetriebes.

Das Buch zeichnet diese Gratwanderung künstlerischer Arbeit nach, und auch das Buch geht damit einen ungewöhnlichen Weg im Dienst einer Öffnung der Kunst für ein größeres Publikum. Denn eines der Merkmale der zeitgenössischen bildenden Kunst ist das Hermetische, die Kultivierung einer nur einem eingeweihten Kreis zugänglichen Kommunikation.

Die visuelle Kunst verschließt sich üblicherweise jeder Erklärung und beharrt auf der Eigenständigkeit ihrer Aussagen und ihres bildhaften Zeichensystems. Sie verweigert jede Art von Hilfestellung, die dem nicht Kunst-Verständigen einen Zugang zu ihren Inhalten und Formen erleichtern würde. Und selbst den berufenen Kunstrezipienten lässt die Bildende Kunst im Grunde allein mit seiner mehr oder minder entwickelten Deutungsfähigkeit. Bildende Kunst tendiert zu einem elitären Code, der in seinem Bedeutungsgehalt nur von Sachverständigen zu dechiffrieren ist. Und bei der modernen abstrakten, gegenstandsfernen Kunst ist die Codierung bis ins Rätselhafte gesteigert.
Sie bleibt daher den meisten Menschen fremd und unverständlich.

Es ist also nicht abwegig zu sagen, dass die visuelle Kunst das Wort fürchtet. Seit jeher gibt es in der bildenden Kunst diese Scheu vor der Verbindung zur Sprache: Ein Bild hat allenfalls seinen Titel, und selbst ein Titel fehlt heute in vielen Fällen. Ein Bild kommt ohne Worte aus, und doch sagt es zugleich mehr, als tausend Worte sagen können.

Im Ritual der Vernissagen geschieht nur eine scheinbare Öffnung für die Ausdruckswelt der Sprache: Hier regiert das flüchtige mündliche Wort, der geschriebene Text im unmittelbaren Erleben der Kunst bleibt tabu; das Schreiben über Kunst ist allein dem Kritiker mit seinem subjektiv-suspekten, vergänglichen Urteil vorbehalten, das versteckt bleibt in den Spalten des Feuilletons.

In solchen rituellen Begegnungen mit der Sprache bleibt nicht allein der exklusive Rahmen gewahrt, allzuoft entfalten Laudatio und Kritik auch einen neuen hermetischen Raum. Die Sprache dient einer neuen Verschlüsselung, wobei statt Inhalten die Form in den Mittelpunkt rückt. Es werden Fährten gelegt, die sich schnell im Dickicht fachsprachlicher Irrwindungen verlieren. In einem kunstvollen Verwirrspiel mit Aussagen und Andeutungen wird letztlich wenig enthüllt. Diese Sprachrituale respektieren also ungefragt das Unaussprechliche.

Die Bildkunst beharrt auf ihrem ureigenen Medium – und sie tut das durchaus aus gutem Grund.
Denn die Sprache birgt eine nicht zu unterschätzende Gefahr: durch die Sprache wird der unendlich vieldeutige malerische Ausdruck in einen begrenzten Raum gesperrt,
die Vielfalt der Bedeutungsmuster wird radikal eingeschränkt. Unbenennbares bekommt einen Namen, und nicht nur im Märchen bricht der Name die Macht des Zaubers.
Die faszinierende Hintergründigkeit eines Bildes gerät in den Bann ordnender, eindeutiger Begrifflichkeit. Das Wort rührt an die geheimnisvolle Aura des Bildes - ob man dies nun will oder nicht.

Wort und Bild repräsentieren zwei ganz verschiedene Formen der Wahrnehmung und der Beschreibung der Welt. Es sind zwei eigenständige Medien, die letztlich unvereinbar sind. Das Medium der Intution steht dem Medium der Definition gegenüber, das Medium der Komposition und der Zusammenschau trifft auf das Medium der Analyse.

Texte sind Erzeugnisse des Bewußtseins, der Ratio; sie sind durchdacht, strukturiert, präzise ausgearbeitet in einem Akt intellektueller Geistestägigkeit. Worte verleihen dem Benannten einen objektiven Charakter, sie trennen es von seinem lebendigen Urgrund, von der Stimmung und der Gefühlssphäre seiner Entstehung; Worte machen das Beschriebene dauerhaft, überprüfbar, reproduzierbar.

Worte ordnen die Dinge, bringen sie in nachvollziehbare Beziehungen, erschaffen kausale Verbindungen von Ursache und Wirkung, unterwerfen sie den Erfahrungen der Logik und dem Vorher-Nachher zeitlicher Abfolgen. Anders als die Malerei ist die Sprache unfähig zur simultanen Beschreibung. Mit jedem Wort, das der Schreibende oder Redende wählt, trifft er eine Auswahl, entscheidet er sich für eine einzige von tausend anderen möglichen Aussagen. Worte verändern daher die Botschaft, und selbst die bildhafte Sprache wird dem Bild in seinen unzähligen Verständnis-möglichkeiten nie gerecht.

Indem die Worte eine objektiv und logisch erscheinende Bedeutungsschicht über die Bilder legen, erschafft der Text eine neue Wirklichkeit mit seinem Gespinst an Informationen. Sobald der Künstler es zulässt, dass Text und Wort sein Bild berühren, entsteht eine neue Realität, die letztlich sein Kunstwerk verändert, denn es lebt nur in der Wahrnehmung der Betrachter.

Der Protagonist der modernen Medientheorie, Marshall McLuhan, hat dies mit wissenschaftlicher Klarheit so formuliert: „Jedes Medium erzeugt seine eigene Welt und zwingt seinen Nutzern eigene Bedingungen der Produktion wie der Wahrnehmung auf. Jedes Medium verändert die darin kommunizierten Erfahrungen radikal.“

Dieses Buch über die Völklinger Plätze Kunst ist daher ein wagnisbehafteter Versuch, zwischen Bildkunst und Sprache zu vermitteln.
Auch wenn das Buch in enger Zusammenarbeit mit dem Künstler entstanden ist, es von ihm mitgetragen und autorisiert ist,
auch wenn er selbst sehr bewusst diesen Prozess der Reduktion, der Entblößung und der Versimpelung mit gegangen ist, so bleibt die beschriebene Wirkung der Versprachlichung davon unberührt. Eine solche Dokumentation rührt an ein unausgesprochenes Tabu, und es werden auch kritische Töne nicht auf sich warten lassen.

Warum hat sich Dimitrov dennoch auf dieses Experiment eingelassen?
Und warum hat das Buch trotz dieser Vorbehalte seine Berechtigung?

Wenn ein Künstler auf die Frage nach seiner Kunst eine Antwort geben will, muss er sich notgedrungen aus der Ausdruckswelt der Bilder heraus begeben, sein Werk und seine Entstehung bewusst reflektieren, und er kann dies nur in der Ratio und der Begrifflichkeit der Sprache. ND übt sich darin seit Jahren - mit ausgesprochen fruchtbaren Entwicklungsimpulsen. Er hat die Hemmschwelle zum Austausch mit der Sprache überwunden und er weiß, dass die Begegnung mit dem Wort äußerst produktiv sein kann auch für den künstlerischen Prozess selbst.

D hat die durchaus schmerzliche Erfahrung gemacht, daß der künstlerische Prozess in der Konfrontation mit der Sprache transformiert wird und sich selbst in Frage stellt. Wenn Kunst sich der Sprache stellt, verliert sie alles Selbstverständliche, aber auch ihre Subjektivität. Die Sprache verlangt immer nach Klarheit und nach Klärung. Der Schmerz, den die verständnisfernen Fragen der kunstentwöhnten Völklinger Bürger bei ihm auslösten, hatte daher genauso heilsame Wirkung wie die eher einfühlsamen Erkundungen der Texteschreiberin, die ihm seit Jahren einen Spiegel hinhält, in dem er sich und seine Arbeiten genauer ansehen und bewerten kann.

Ins Positive gewendet bewirkt der Tabubruch des Wortes eine Entfremdung vom subjektiven, intuitiven Prozess. Das Einlassen auf die Sprache zwingt zu einer kritischen Betrachtung, zur Reflexion, zur Einnahme eines Standpunktes. Der Künstler wird in einen Besinnungs- und Lernprozess gedrängt, der ihm hilft sich weiter zu entwickeln. Er sieht sein Spiegelbild gespiegelt in einem anderen Spiegel, der ihm eine ansonsten nicht sichtbare Seite zeigt. Auch wenn er so nur einen Teil seiner selbst sieht, ist das Erkennen heilsam, weil er in einem Dialog mit sich selbst kommt.

Das Wissen um diese positiven Impulse des inneren Dialogs mit dem Wort war der mächtigste Antrieb, dieses Buch zu beginnen, und er deckte sich glücklicherweise mit der Intention des Projektes, die Menschen für Kunst und das künstlerische Interpretation ihrer Umwelt zu interessieren; sie heranzuführen an dieses Medium, ihr Verständnis und ihre Bereitschaft zur Auseinandersetzung zu fördern. Das Projekt hat hier durchaus Pionierarbeit geleistet und viele Menschen angesprochen und berührt. Das Buch erweitert diesen Resonanzraum, denn es ist nicht mehr an Zeit und Ort und den unmittelbaren Vollzug des Projektes gebunden.

Und noch etwas leistet das Buch, was die Kunst selbst nicht zu leisten vermochte: Es überbrückt die Diskrepanz zwischen der abstrakten Bildsprache und den bekannten und geläufigen Ausdrucksmitteln der Verständigung. Die Bildsprache erfordert ein ganz anderes Lesen, als wir es gelernt haben. Den Menschen fehlt es am Vokabular wie an der Grammatik dieser für sie fremden Sprache. Die abstrakte Bildsprache bleibt ihnen daher unverständlich und unzugänglich. Das Buch übernimmt hier die Aufgabe einer beispielhaften Anleitung und Einführung in das Wesen der abstrakten Bildkunst.

Die abstrakte Malerei kommt ohne Begrifflichkeit aus, sie ist nicht logisch, nicht kausal, entwickelt sich nicht linear und folgerichtig. Sie wird regiert durch eine Art Gleichzeitigkeit, in der Gestern, Heute und Morgen in einem einzigen Ausdruck zusammenfallen. Sie stellt damit die gesicherte, rationale Ordnung der Welt in Frage, auf der Kultur und Wissenschaft seit der Renaissance aufbauen. Abstrakte Malerei verneint alle bekannten Einteilungen, Abgrenzungen, Ordnungen und Beziehungsmuster. Sie negiert das Leben auf dem Boden fester, beweisbarer Tatsachen. Es gibt in diesen Bildern daher auch keine Wahrheit mehr.

Es herrscht eine ganz besondere Art von Chaos: Es gibt kein Vorne und kein Hinten mehr, kein Früher oder Später im Sehen und Erleben. Beim visuellen Durchschreiten des Bildes hilft uns keine Perspektive und keine Räumlichkeit mehr, und auch die gegenständliche Nähe zum Objekt geht verloren. Moderne Kunst entmaterialisiert, sie geht vom Konkreten zum Universellen. Sie verlässt Raum und Zeit, verbindet alles mit allem. Diese Art von Malerei komprimiert und komponiert die realen Ansichten und Eindrücke, entfernt sich bewusst von der herkömmlichen Wirklichkeitserfahrung. Sie zeigt Realitäten jenseits der Wirklichkeit und kehrt damit zu einem viel älteren Verständigungssystem zurück: zur Welt der Analogien und Symbole.

Über Jahrtausende lebte der Mensch mit magischen und mythischen Weltvorstellungen, anstelle von Theorien erklärte er die Welt mit Erzählungen. Hinter der realen sichtbaren Ordnung gab es viele andere fühlbare, denkbare und träumbare Realitäten, die gleich wichtig waren. Ein Traum war bedeutsamer und reicher als der Augenschein, das Wirken unsichtbarer Kräfte mächtiger als die banale Erfahrung des Alltäglichen. Alle diese Bedeutungsebenen waren miteinander verwoben und gleichzeitig vorhanden: Traum, Mythos, Geschichte, Visionen, Gedanken und Gefühle durchdrangen die konkret erfahrbare Oberfläche.

Im Symbol trafen sich all diese Erfahrungsfassetten, das Symbol einte die Vielfalt miteinander verbundener Erscheinungen. Symbol heißt Zusammenwerfen, das Zusammenfassen in einem Zeichen. Ein Symbol ist daher unendlich aufgeladen mit Bedeutungen. Jedes Symbol beinhaltet eine Fülle von Verweisen und Inhalten.

Indem die moderne abstrakte Malerei auf die Symbolsprache zurückgreift, schafft sie holistische Bilder, ganzheitlich, alles umfassend, das Große wie das Kleine, das Göttliche wie das Menschliche, das Vergangene wie das Zukünftige.
ND Malerei ist exemplarisch in ihrem Symbolbezug. Formen und Farben sind durchwuchert von vielerlei Bezügen. Wenn er einen Kreis malt, eine Spirale, eine Linie, wenn er eine Farbe wählt oder die Fläche des Bildes in ein Oben und Unten, ein Links und ein Rechts teilt, dann verweist er auf eine erschöpfende Fülle von Bedeutungsmöglichkeiten.

Seine Art Bilder zu malen, eignet sich daher in idealer Weise, die moderne Abstraktion anschaulich zu machen. Im Projekt stand dieses Wissen noch unbewusst im Raum, im Buch wird es entfaltet, indem wir die Entstehung eines künstlerischen Symbols und die Deutungsmöglichkeit dieses Symbols schrittweise nachvollziehen. Lernende sind dabei nicht nur die zukünftigen Leser, sondern alle an diesem Prozess Beteiligten: Der Künstler, die Texterin und alle die dabei Fragen stellen und ihre Zweifel artikulieren.

Das Buch ist damit wiederum nur eine weitere Station in einem viel umfassenderen Projekt der künstlerischen Auseinandersetzung mit der Realität und mit der modernden Kunst. Es will anregen, diesen Prozess fortzusetzen, auf den unterschiedlichsten Ebenen und auch mit unterschiedlichsten Ausdrucksmitteln.

Und die Stadt Völklingen ist für einen solchen symbolschaffenden Prozess sicherlich ein ganz herausragendes Objekt. Eine faszinierende Erkenntnis, die Marshall McLuhan in seiner Beschäftigung mit den Medien und Kunst gewann, passt so verblüffend auf die Stahlstadt, dass man sie als generelle Ermutigung auffassen darf, hier weiter experimentelle Wege in der Kunst zu gehen. Mit seinem Statement möchte ich daher meine Überlegungen zu Projekt, Buch und ihren Ausdrucksmöglichkeiten beenden:

Er hat nachgewiesen, dass die Ikonen einer vergangenen Epoche künstlerisch deshalb so außerordentlich interessant sind, weil die Technologien und die Lebensformen der vorausgegangenen Epoche zu den archetypischen Formen der darauffolgenden Zeit werden, aus denen die Kunst lebt.
Völklingen als exemplarische Industriestadt besitzt damit ein einzigartiges künstlerisches Potenzial, weil Künstler aller Couleur hier das inspirierende und formgebende Material finden, um die neue Zeit zu beschreiben.

In diesem Sinne wünschen wir uns alle, dass das Buch über die Völklinger Plätze Kunst auf eine breite und positive Resonanz stößt und möglichst viele Menschen hinführt zu dem symbolischen Porträt Dimitrovs und der Stadt Völklingen.

Auch von meiner Seite und im Namen des Künstlers hier nochmals einen herzlichen Dank an die Stadt Völklingen und die Sponsoren sowie die Verleger Mathias und Susanna Beck.
Ihnen, meine Damen und Herren, danke ich für Ihre Aufmerksamkeit.

April 2005. Stefanie Risch. Texte & Konzepte.