|
|
|
SYNERGIE | Kunst und Wirtschaft | Haus der
Unternehmensverbände | Vereinigung der Saarländischen Unternehmensverbände
| Harthweg 15 | 66117 Saarbrücken
Mai - September 1996
HORST BECKER | WOLFGANG SINWEL
OBEN UNTEN - UNTEN OBEN
Horst Beckers „Asphaltrisse“
Wolgang Sinwels „Satellitäre Nympheas“
Oben ist unten und Unten ist oben bzw. umgekehrt
Landschaftsmalerei als andere Sichtweise und unter anderen Aspekten
Sinwel: im Untertitel „Satellitäre Nympheas“ Anspielung auf Monets Nympheas.
Der Impressionismus, der heute von einem vorstädtischen Publikum durchaus als harmlos-bunte Idyllen-Malerei goutiert wird - weshalb diese Ausstellungen auch so überlaufen sind - fand seinen Ansatzpunkt ja in der Problematisierung
¨ von Sehen und Wahrnehmung
¨ von realer, diesseitiger Wirklichkeit und - auch wenn dieser Begriff modern ist - virtueller Wirklichkeit
¨ und von Licht als Malmittel.
Insofern sind diese beiden hier, Wolfgang Sinwel wie auch Horst Becker, Impressionisten.
beide Anfang 40
Synopse der beiden Abteilungen
Sinwel Titel als WortspielImaginationdie Vorstellungskraft anregend
Becker Titel sachlich, konkretbesagt genau das, was Grundlage der Arbeiten ist
Sinwel Kunst entsteht durch das Vorstellen, das dem Malvorgang vorausgeht
Becker Kunst entsteht durch das Heraussuchen, das Sehen des reizvollen Motives
Sinwel Gedankenspiel - Vorstellungskraft - Imaginationdie Bilder sind nicht nach der Natur gemalt, sondern erdacht
Becker Ausgangspunkt Materialbezogenheit des Bildhauerisch denkenden
Menschen nach der Natur gemalt = die Natur als Malmittel
Sinwel im besten Sinne virtuell
Becker konkret
Sinwel Auflösung der Erdoberfläche dem Digitalisierungsvorgang folgend
Auflösung der visuellen Information in Zahlenreihen aus 0 und 1 und wieder Zusammensetzung in Bildpunkte
Becker Umsetzung der Erdoberfläche 1 zu 1Umwandlung in Grauwerteebenfalls Reduzierung der Information
Sinwel Denkvorgang:ImaginationsvorgangIn-Frage-Stellung
Becker Denkvorgang:Untersuchung - trial and error Befragung
Sinwel nicht finden, sondern erfinden
Becker „Von großem Reiz ist für mich die Vollkommenheit des Vorhandenen. Es gibt kein Bemühen, keine Verfälschung, kein tastendes Suchen - nur Entdeckung.“
Sinwel aufwendige Maltechnik Unterschiede zwischen Flugbildern und
Satellitenbildern. Flugbilder gestich, horizontale Malbewegungen.
Satellitenbilder statisch, allmählich durch Zusammenfügen von Farbstellen aufgebaut.
Becker einfacher Arbeitsvorgang Papier auf Asphalt auslegen vorsichtig mit Druckfarbe und einer Rolle das Muster durchreiben
Sinwel Nicht näher oder genauer Hinsehen, sondern Nachdenken, Sinnieren.„Wäre es doch wünschenswert, eine im gleichen Maße das Vordergründige umgehende Sehweise beim Kunstbetrachter
vorzufinden. Bei einem Betrachter, der mit dem Willen zum unvorhersehbaren Seherlebnis dem voreingenommenen Einordnen der optisch bereiteten einfachen Trasse Widerstand leistet.“
Becker Teilen des optischen Genusses, der aus dem näheren Hinsehen und der Wahl des Ausschnitts durch den Künstlers resultierte.
Für beide gilt, daß sie einen Beobachtungsplatz aus relativer Höhe einnehmen.
Könnte man sagen, daß der Betrachtungswinkel einer Sache,
je weiter entfernt, desto weniger eindeutig und konkret ist,
und je näher, desto weniger übersichtlich und bedeutend (als erklärend, vermittelnd, aussagend)
ist?
„Ehe es die Photographie aus dem Weltraum gab, war ein Wanderer, der über die Erde ging oder fuhr oder sogar in einem Flugzeug reiste, gleichsam eine Fliege, die über die Mona Lisa im Louvre
krabbelt. Aus dieser Entfernung könnte sie schwerlich die Schönheit des Bildes und das Genie Leonardo da Vincis erfassen.“ (R. Underwood)
Mathias Beck | Mai 1996
Horst
Becker
Asphaltrisse | Frottagen

Horst Becker wurde 1955 in Homburg/Saar geboren. Nach dem Studium der Mathematik in Bochum und Bonn entwickelte er ab 1988 autodidaktisch erste eigene graphische Arbeiten. Ab 1989 entstand die Bilderserie „Geometrie des Herzens“, Acrylmalerei auf Leinwand, ab 1992 die graphische Serie „Asphaltrisse“, Durchreibungen von Druckfarbe auf Papier. Seit 1994 studiert er Bildhauerei an der Alanus Hochschule in Alfter bei Bonn. Er lebt und arbeitet in Köln.
Asphaltrisse
„Seit 1992 entstehen in Städten, zu denen ich eine besondere Beziehung habe, - sagen wir: als Vertrautmachung - Straßenabdrucke, die von Verwerfungen im Asphalt, von Rissen, Brüchen und anderen Verletzungen in Bürgersteigen und Fahrbahnen abgenommen werden.
Sichtbar wird der Mikrokosmos unter unseren Füßen, die unbekannten Landschaften in einem halben Quadratmeter bekannter Straße.
Von großem Reiz ist für mich die ,Vollkommenheit des Vorhandenen’. Das Abgehen der Straßen und das Abrollen dieser Bilder verbindet auch auf besondere Weise mit diesen Stellen.“
Horst Becker
>> Becknetz | Abbildungen
Horst Becker anschauen
Wolfgang
Sinwel
Satellitäre Nympheas | Malerei

Wolfgang Sinwel wurde 1954 in Wien geboren. Er hat in der Zeit von 1973 bis 1977 die Akademie der Bildenden Künste in Wien absolviert. Einzelne Preise (Kardinal-König-Preis 1977, Theodor-Körner-Preis 1982) ein Auslandsstipendium für Rom (1980), Israel (1991), öffentliche Ankäufe durch das österreichische Bundesministerium für Unterricht und Kunst, Kulturamt und Albertina in Wien, Kulturamt Linz, das Land Baden-Württemberg und dem französischen Kulturfond FRAC Alsace sowie Aufträge für großformatige Artbeiten begleiten seine bisherige Ausstellungstätigkeit in Österreich, Deutschland, Frankreich und der Schweiz.

„Sinwels Bilder fordern heraus. Sie stutzen den Menschen aufs Normalmaß, peinigen ihn mit seiner Insuffizienz und Bedürftigkeit. Der Mensch ist nicht länger alleinherrschender Wertmesser, es gibt kein Gefilde der Seligen mehr, aber er erhält die Chance, sich auf eine neue Dimension des Erkennens einzulassen, eine ganzheitliche Meinung zu bekommen.
Sinwels Bilder beginnen aus dem Gleichgewicht und erzeugen es. Sie sind beeindruckend. Sie zu lieben heißt, sich infrage zu stellen.“
Petra Zentgraf, Badische Zeitung, 1995
„,Ungefähr vertraut’ ist nach genauer Überlegung der richtige Begriff. Manches kommt dem Betrachter bekannter vor als anderes. Etwas jedoch ist allen seinen Bildern gemeinsam: Man betrachtet sie hellwach. Man läßt sich anstoßen und auf den Weg bringen.“
Roland Geiger, Über die psychischen Gegenden des Malers Wolfgang Sinwel, 1991
„Bei allem Respekt vor unseren Leistungen: Aus der Weltraumperspektive sind wir ebenso unsichtbar wie Mikroorganismen in einem Tropfen Wasser. Wenden wir dann noch den Blick ab von unserer Mutter Erde, so relativiert sich auch diese Dimension. Ein ständig expandierendes Universum mit Milliarden von Galaxien läßt uns als Krone der Schöpfung noch viel unauffindbarer werden, als es die berühmte Nadel im Heuhaufen jemals sein könnte. (...)
Meine malerisch korrespondierenden Versuche in der thematisch konzentrierten Serie der Ausblicke sind aus dieser Position nicht problemlos zu bewältigen. Neue Bilder entstehen aus Überlagerung von Strukturen; kartographische Zeichensetzungen suchen die Verbindung zur Vorstellung Erde und schaffen Ausblicke aus dem vbirtuellen Spacestudio. (...)
Der vorenthaltene Horizont beraubt des festen Bodens, er verhindert die Bestimmung des eigenen Standortes und läßt selbst das auf unserem Planeten definierte Zeitmaß als lediglich lokal bezogene Größenordnung klar werden. Die knappen eineinhalb Stunden, die eine orbitale Umrundung beim einmaligen Durchlaufen des bodenständigen 24-Stunden-Rhythmus dauert, stehen in keinem Verhältnis zu unserem inneren Zeitgefühl.
Der Verlust dieser Eckdaten ist es, der meine neuen Arbeiten begleitet und mich in Bereiche katapultiert, in denen sowohl emotionelle als auch intellektuelle Sprengkraft in ausreichendem Maße vorhanden zu sein scheint.“
Wolfgang Sinwel, Aus anderer Sicht, 1995

>> Becknetz | Abbildungen
Wolfgang Sinwel anschauen
|
|